i3igm. Freud
Die Zukunft
*
einer
Illusion
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
SIGM. FREUD
DIE ZUKUNFT EINER ILLUSION
J_Jie ^ukunlt
einer Xllusion
Von
Oigm. Jureuo
2. Auflage (G.— 16. Tausend)
1928
Internationaler
xsycnoanalytisclier Verlag
-Leipzig / W i e n / Jülich.
ALLE RECHTE,
INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG,
VORBEHALTEN
COPYRIGHT 1928
BY „INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER
VERLAG, GES. M. B. H.", WIEN
6. BIS 16. TAUSEND
DRUCK: CHRISTOPH REISSER'S SÖHNE, WIEN V
"Wenn man eine ganze "Weile innerhalb einer be-
stimmten Kultur gelebt und sich oft darum hemüht hat,
zu erforschen, wie ihre Ursprünge und der Weg ihrer
Entwicklung waren, verspürt man auch einmal die V er-
sudiung, den Blich nach der anderen Richtung zu wenden
und die Frage zu stellen, weldies fernere Sdiicksal dieser
Kultur bevorsteht und welche Wandlungen durchzumadien
ihr bestimmt ist. Man wird aber bald merken, dal} eine
solche Untersuchung von vornherein durch mehrere Mo-
mente entwertet wird. Vor allem dadurch, dalj es nur
wenige Personen gibt, die das mensailidie Getriebe in all
seinen Ausbreitungen übersdiauen können. Für die meisten
ist Besdiränltung auf ein einzelnes oder wenige Gebiete
notwendig geworden; je weniger aber einer vom Vergan-
genen und Gegenwärtigen wei.§, desto unsiaierer mub sein
Urteil über das Zukünftige ausfallen. Ferner darum, weil
gerade bei diesem Urteil die subjektiven Erwartungen des
Einzelnen eine schwer abzusdiätzende Rolle spielen; diese
zeigen sich aber abhängig von rein persönlichen Momenten
seiner eigenen Erfahrung, seiner melir oder minder hoff-
nungsvollen Einstellung zum Leben, wie sie ihm durdi
Temperament, Erfolg oder Mißerfolg vorgesdirieben
worden ist. Endlich kommt die merkwürdige Tatsadie
zur Wirkung, dalj die .Mensdien im allgemeinen ihre
Gegenwart wie naiv erleben, ohne deren Inlialte wür-
digen zu können; sie müssen erst Distanz zu ilir ge-
winnen, d. li. die Gegenwart muJj zur Vergangenheit ge-
worden sein, wenn man aus ilir Anhaltspunkte zur Be-
urteilung des Zukünftigen gewinnen soll.
Wer also der Versuchung nadigibt, eine Äußerung
über die walirsdieinlidie Zukunft unserer Kultur von sidi
zu geben, wird gut daran tun, sidi der vorliin angedeuteten
Bedenken zu erinnern, ebenso wie der Uiisidierbeit, die
ganz allgemein an jeder Vorhersage haftet. Daraus folgt
für midi, dalj idi in eiliger Fludit vor der zu grofjen Auf-
gabe alsbald das kleine Teilgebiet aufsudien werde, dem
auch bisher meine Aufmerksamkeit gegolten hat, nach-
dem ich nur seine (Stellung im grofjen Ganzen bestimmt
habe.
Die mensdilidie Kultur — idi meine all das, worin
sidi das mensdilidie Leben über seine animalischen Be-
dingungen erhoben hat und worin es sidi vom Leben der
Tiere unterscheidet — und idi verschmähe es, Kultur und
Zivilisation zu trennen — zeigt dem Beobaditer be-
kanntlich zwei (Seiten. Sie umfaßt einerseits all das
Wissen und Können, das die Mensdien erworben
haben, um die Kräfte der Natur zu beherrsdien und
ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen Bedürf-
nisse abzugewinnen, anderseits alle die Einriditungen,
die notwendig sind, um die Beziehungen der Menschen
zueinander, und besonders die Verteilung der erreich-
baren Güter zu regeln. Die beiden Riditungen der
Kultur sind nidit unabhängig voneinander, erstens, weil
die gegenseitigen Beziehungen der Mensdien durdi das
Mafj der Triebbefriedigung, das die vorhandenen Güter
ermöglidien, tiefgreifend beeinfluljt werden, zweitens, weil
der einzelne Mensdi selbst zu einem anderen in die Be-
ziehung eines Gutes treten kann, insofern dieser seine
Arbeitskraft benützt oder ihn zum Sexualobjekt nimmt,
drittens aber, -weil jeder Einzelne virtuell ein Feind der
Kultur ist, die dodi ein allgememmensdilidies Interesse
sein soll. Es ist merkwürdig, dalj die Mensdien, so wenig
sie audi in der Vereinzelung existieren können, dodi die
Opfer, -welche ihnen von der Kultur zugemutet werden,
um ein Zusammenleben zu ermöglidien, als seh -wer drüdtend
empfinden. Die Kultur mulj also gegen den Einzelnen
verteidigt werden und ihre Einriditungen, Institutionen
und Gebote stellen sida in den Dienst dieser Aufgabe;
sie bezwedten nicht nur, eine gewisse Güterverteilung her-
zustellen, sondern auch diese aufrechtzuhalten, ja sie
müssen gegen die feindseligen Regungen der Menschen
all das beschützen, was der Bezwingung der Natur und
der Erzeugung von Gütern dient. Menschlidie odiöpfungen
sind leictt zu zerstören und Wissensctaft und Tedmik,
die sie aufgetaut taten, können audi zu itrer Vernidi-
tung verwendet werden.
So tekommt man den Eindruck, dafj die Kultur etwas
ist, was einer widerstretenden Metrteit von einer Minder-
zatl auferlegt wurde, die es verstanden tat, sict in den
Besitz von Mactt- und Zwangsmitteln zu setzen. Es liegt
natürlidi nate anzunetmen, da^ diese Sckwierigkeiten
nictt am Wesen der Kultur seltst taften, sondern von den
Unvollkommenkeiten der Kulturformen tedingt werden,
die tis jetzt entwickelt worden sind. In der Tat ist es
nickt sctwer, diese Mängel aufzuzeigen. "Wätrend die
Mensditeit in der Beterrsckung der Natur ständige Fort-
sdintte gemactt tat und noct größere erwarten darf, ist
ein ätnlicter Fortsctritt in der Regelung der mensctlidien
Angelegenteiten nictt sicter festzustellen und watrsctein-
lict zu jeder Zeit, wie auct jetzt wieder, taten sict viele
Menscten gefragt, ot denn dieses Stück des Kulturerwerts
ütertaupt der Verteidigung wert ist. Man sollte meinen,
es mü^te eine Neuregelung der mensdilicten Bezietungen
möglict sein, welcte die Quellen der Unzufriedenteit
mit der Kultur versagen mactt, indem sie auf den Zwang
und die Trietunterdrückung verzicttet, so daf; die Men-
scten sict ungestört durct inneren Zwist der Erwertung
von Gütern und dem Gem4 derselten tingeten könnten.
Das wäre das goldene Zeitalter, allein es fragt sict, ot
ein solcter Zustand zu verwirklidien ist. Es sdieint viel-
8
•
me
au
hr, daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzidit
fbauen muß; es sdieint nidit einmal gesichert, daß beim
Aufhören des Zwanges die Mehrzahl der menschlichen
Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung auf sich
zu nehmen, deren es zur Gewinnung neuer Lehensgüter
bedarf. Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen,
dal} bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und
antihulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese
bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind,
um ihr Verhalten in der menschlichen Gesellschaft zu
bestimmen.
Dieser psychologischen Tatsache kommt eine entschei-
dende Bedeutung für die Beurteilung der menschlichen
Kultur zu. Konnte man zunächst meinen, das VV esentlidie
an dieser sei die Beherrschung der Natur zur Gewinnung
von Lebensgütern und die ihr drohenden Gefahren liefen
sich durch eine zweckmäßige Verteilung derselben unter
den Menschen beseitigen, so scheint jetzt das (Schwer-
gewicht vom Materiellen weg aufs oeelisdie verlegt. Es
wird entsdieidend, ob und inwieweit es gelingt, die Last
der den Mensdien auferlegten Triebopfer zu verringern,
sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und
dafür zu entschädigen. Ebensowenig wie den Zwang zur
Kulturarbeit, kann man die Beherrschung der Masse durdi
eine Minderzahl entbehren, denn die Massen sind träge
und einsichtslos, sie lieben den Triebverzicht nicht, sind
durdi Argumente nicht von dessen Unvermeidlichkeit zu
üterzeugen und ilxre Individuen Wärken einander im
GewäkrenWn ilxrer Ziellosigkeit. Nur durdx den Ein-
fluß vorkildlidxer Individuen, die sie als ilxre Fülxrer
anerkennen, sind sie zu den Arbeitsleistungen und Ent-
sagungen zu Wegen, auf weldxe der Bestand der Kultur
angewiesen ist. Es ist alles gut, wenn diese Fülxrer Per-
sonen von üWegener Einsidxt in die Notwendigkeiten
des LeWs sind, die sidx zur Belxerrsdxuxxg ikrer eigenen
Triekwünscke aufgesdxwuxxgen katen. Aker es Wellt für
sie die Gefalxr, da| sie, um ihren Einfluß nickt zu ver-
lieren, der Masse mekr nadigeken als diese iknen, und
darum ersdxeint es notwendig, daf 3 sie. durdx Verfügung
üker Madxtmittel von der Masse unakkängig seien. Um
es kurz zu fassen, es sind zwei weit verleitete Eigen-
sten der Mensdxen, die es versdxulden, daf 3 die kultu-
rellen Einrichtungen nur durdx ein gewisses Mal^ von
Zwang gelxalten werden können, nämlidx, daf 3 sie spontan
nidxt arheitslustig sind und daf 3 Argumente nidxts gegen
ilire Leideixsdxaften vermögen.
Idx weil], was man gegen diese Ausfülxrungen einwenden
wird. Man wird sagen, der lxier gesckilderte Clxarakter der
Mensdxenmassen, der die Unerläfjlidxkeit des Zwanges zur
Kulturarheit beweisen soll, ist seilst nur die Folge felxler-
kafter kultureller Einridxtungen, durdx die die Mensdxen
erhittert, radxsüdxtig, unzugäxxglidx geworden sind. Neue
Generationen, liehevoll und zur Hodxsdiätzung des Den-
kens erzogen, die frülxzeitig die V/olxltateu der Kultur er-
lO
■
fahren haben, werden auch ein anderes Verhältnis zu ihr
haben, sie als ihr eigenstes Besitztum empfinden, bereit
sein, die Opfer an Arbeit und Triebbefriedigung für sie
zu bringen, deren es zu ihrer Erhaltung bedarf. «Sie werden
den Zwang entbehren können und sidi -wenig von ihren
Führern untersaieiden. Wenn es menschliche Massen von
solcher Qualität bisher in keiner Kultur gegeben hat, so
kommt es daher, dal} keine Kultur nodi die Einriditungen
getroffen hatte, um die Menschen m soldier vv eise, und
zwar von Kindheit an, zu beeinflussen.
.Man kann daran zweifeln, ob es überhaupt oder jetzt
sdion, beim gegenwärtigen iStand unserer JNaturbeherr-
schling möglidi ist, solaie kulturelle Einriditungen her-
zustellen, man kann die Frage aufwerfen, woher die
Anzahl überlegener, unbeirrbarer und uneigennütziger
Führer kommen soll, die als Erzieher der künftigen
Generationen -wirken müssen, man kann vor dem unge-
heuerlidien Aufwand an Zwang erschredien, der bis zur
Durchführung dieser Absiditen unvermeidlidi sein wird.
Die Großartigkeit dieses Planes, seine Bedeutsamkeit
für die Zukunft der menschlichen Kultur wird man nicht
bestreiten können. Er ruht sidier auf der psydiologisdien
Einsidit, dal} der Mensdi mit den mannigfaltigsten Trieb-
anlagen ausgestattet ist, denen die frühen Kmdheitserleb-
nisse die endgültige Richtung anweisen. Die (Schranken
der Erziehbarkeit des Menschen setzen darum audi der
Wirksamkeit einer soldien Knlturveränderung ihre
11
en
worden.
Grenze. Man mag es bezweifeln, ob und in weldiem
Ausmaß ein anderes Kulturmilieu die beiden Eigen-
sdiaften menschlicher Massen, die die Fülirung der mensdi-
lidien Angelegenheiten so selir erschweren, auslösdi
kann. Das Experiment ist nodi nicht gemadit word
Wahrscheinlich wird ein gewisser Prozentsatz der Mensen-
lieit — infolge krankhafter Anlage oder übergroßer Trieb-
stärke — immer asozial bleiben, aber wenn man es nur
zustande bringt, die kulturfeindlidie Mehrheit von heute
zu einer Minderlieit herabzudrücken, tat man sehr viel
erreicht, vielleicht alles, was sidi erreichen läßt.
Idi möchte nidit den Eindruck erwecken, daß ick midi
weit weg von dem vorgezeidineten Weg meiner Unter-
suchung verirrt habe. Ich will darum ausdrücklich ver-
sichern, daß es mir ferne liegt, das große Kulturexperi-
ment zu beurteilen, das gegenwärtig in dem weiten Land
zwischen Europa und Asien angestellt wird. Ich hat
weder die «Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über d
Ausführbarkeit zu entscheiden, die Zweckmäßigkeit d
angewandten Methoden zu prüfen oder die "Weite d
unvermeidlichen Kluft zwischen Absicht und Durdi-
führung zu messen. Was dort vorbereitet wird, entzieht
sich als unfertig einer Betrachtung, zu der unsere längst
konsolidierte Kultur den «Stoff bietet.
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12
II
Wir sind unversehens aus dem Ökonomischen ins
Psychologische hinübergeglitten. Anfangs waren wir ver-
sucht, den Kulturbesitz in den vorhandenen Gütern und
den Einriditungen zu ihrer Verteilung zu suchen. Mit
der Erkenntnis, daij jede Kultur auf Arbeitszwang und
Triehverzicht heruht und darum unvermeidlich eine Op-
position hei den von diesen Anforderungen Betroffenen
hervorruft, wurde es klar, dal) die Güter seihst, die
Mittel zu ihrer Gewinnung und Anordnungen zu ihrer.
Verteilung nidit das Wesentliche oder das Alleinige der
Kultur sein können. Denn sie sind durch die Aufleh-
nung und Zerstörungssucht der Kulturteilhaher bedroht.
Neben die Güter treten jetzt die Mittel, die dazu dienen
können, die Ktdtur zu verteidigen, die Zwangsmittel
und andere, denen es gelingen soll, die Menschen mit
ihr auszusöhnen und für ihre Opfer zu entschädigen.
Letztere können aber als der seelische Besitz der Kul-
tur beschrieben werden.
Einer gleidiförmigen Ausdrucksweise zuliebe wollen
wir die Tatsacbe, dai" ein Trieb nicbt befriedigt werden
kann, Versagung, die Einricttung, die diese Versagung
festlegt, Verbot, und den Zustand, den das Verbot berbei-
fübrt, Entbebrung nennen. Dann ist der nädiste iScbritt,
zwisdien Entbebrungen zu unterscheiden, die alle be-
treffen, und soldien, die nickt alle Betreffen, olof 3
Gruppen, Klassen oder seiest einzelne. Die ersteren
sind die ältesten: mit den VerLoten, die sie einsetzen,
bat die Kultur die Ablösung vom animalisdien Ur-
zustand Begonnen, vor unbekannt wie vielen Tausen-
den von Janren. Zu unserer TJberrascbung fanden
wir, daij sie nodi immer wirtsam sind, noeb immer den
Kern der Kulturfeindseligkeit bilden. Die Triebwünsdie,
d le unter ibnen leiden, werden mit jedem Kind von
neuem geboren; es gilt eine Klasse von Mensdien,
die Neurotiker, die bereits auf diese Versagungen mit
Asozialität reagieren. Soldie Trieowünsdie sind die des
Inzests, des Kannibalismus und der Mordlust. Es ltlingt
sonderbar, wenn man sie, in deren Verwerfung alle
Mensdien einig sdieinen, mit jenen anderen zusammen-
stellt, um deren Gewälirung oder Versagung in unserer
Kultur so lebbaft gekämpft wird, aber psydiologisdi ist
man dazu bereditigt. Audi ist das kulturelle Verbalten
Ses en J les e ältesten Triebwünsdie keineswegs das gleicbe,
nur der Kannibalismus ersdieint allen verpönt und der
mebt analytisdien Betraditung völlig überwunden, die
Otärke der Inzestwünsdie vermögen wir nodi binter dem
*4
V erbot zu verspüren und der Alord "wird von unserer
Kultur unter bestimmten Bedingungen nom geübt, ja
geboten. JMiöglidierweise steben uns Entwicklungen der
Kultur bevor, in denen nom andere, beute durchaus
mögliebe AV^unsdibefriedigungen ebenso unannebmbar er-
saieinen werden, -wie jetzt die des Kannibalismus.
iScbon bei diesen ältesten Triebverziditen kommt ein
psydiologisdier Faktor in Betracbt, der auai für alle
■weiteren bedeutungsvoll bleibt. Es ist niebt ncbtig, dalj
die mensdilicbe iSeele seit den ältesten Zeiten keine
Entwidmung durebgemaebt bat und im Gegensatz zu den
Fortsdiritten der Wissensdiaft und der Tedinik beute
noeb dieselbe ist, wie zu Anfang der Gesdiicbte. Einen
dieser seelisdien Fortscbntte können wir bier nachweisen.
Es liegt in der Ricbtung unserer Entwicklung, dab, äuljerer
Zwang allmäblidi vermnerlidit wird, indem eine beson-
dere seelisdie Instanz, das XJber-Idi des jMensdien, lbn
unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind Iübrt uns den
Vorgang einer soldien Umwandlung vor, wird erst durdi
sie moraliscb und sozial. Diese Erstarkung des über-ldis
ist ein bödist -wertvoller psydiologisdier Kulturbesitz.
Die Personen, bei denen sie stdi vollzogen bat, werden
aus Kulturgegnern zu Kulturträgern. Je gröfjer ibre An-
zabl in einem Kulturkreis ist, desto gesidierter ist diese
Kultur, desto eber kann sie der äuljeren Zwangsmittel
entbebren. Das Mal} dieser Verinnerlicbung ist nun für
die einzelnen Triebverbote sebr verscbieden. Für die
erwäknten ältesten Kulturforderungen sdieint die Ver-
innerlickung, wenn wir die unerwünschte Ausnakme der
Neurotiker leiseite lassen, weitgehend erreidit. Dies
Verliältnis ändert sidi, wenn man sidi zu den anderen
Trielanforderungen wendet. Man merkt dann mit Uler-
rasdiung und Besorgnis, da-g eine Ulerzakl von Mensdien
den dieslezüglicken Kulturverloten nur unter dem Druck
des äußeren Zwanges gekorckt, also nur dort, wo er sidi
geltend madien kann und solange er zu lefürdten ist.
Dies trifft audi auf jene sogenannt moralischen Kultur-
forderungen zu, die in gleidier Welse für alle lestimmt
sind. Das meiste, was man von der moralisdien Unzu-
verlässigkeit der Mensdien erfälirt, geliört nielier. Un-
endlick viele Kulturmensdien, die vor Mord oder Inzest
zurücksckrecken würden, versagen sick nickt die Befrie-
digung ikrer Haigier, ikrer Aggressionslust, ikrer sexu-
ellen Gelüste, unterlassen es nickt, den Anderen durdi
Lüge, Betrug, Verleumdung zu sckädigen, wenn sie
dalei straflos Heilen können, und das war wokl seit
vielen kulturellen Zeitaltern immer elenso.
Bei den Einsckränkungen, die sick nur auf lestimmte
Klassen der Gesellsdaft lezieken, trifft man auf grole
und audi niemals verkannte Verkältnisse. Es stellt zu
erwarten, dai^ diese zurückgesetzten Klassen den Bevor-
zugten ikre Vorreckte teneiden und alles tun werden,
um ilr eigenes Melir von Entlekrung los zu werden.
Wo dies nickt möglick ist, wird sick ein dauerndes Mal"
von Unzufriedenheit innerhalb dieser Kultur behaupten,
das zu gefährliaien Auflehnungen führen mag. Wenn
aber eine Kultur es niait darüher hinaus gebracht hat,
dalj die Befriedigung einer Anzahl von Teilnehmern die
Unterdrückung einer anderen, vielleicht der Aiehrzahl,
zur Voraussetzung hat, und dies ist bei allen gegenwärtigen
Kulturen der Fall, so ist es begreiflich, dalj diese Unter-
drückten eine intensive Feindseligkeit gegen die Kultur
entwickeln, die sie durch ihre Arbeit ermöglichen, an deren
Gütern sie aber einen zu geringen Anteil haben. Eine
V erinnerlichung der Kulturverbote darf man dann bei
den Unterdrückten nicht erwarten, dieselben sind viel-
mehr nidit bereit, diese V erböte anzuerkennen, bestrebt,
die Kultur selbst zu zerstören, eventuell selbst ihre Vor-
aussetzungen aufzuheben. Die Kulturfeindschatt dieser
Klassen ist so offenkundig, dal} man über sie die eher
latente Feindseligkeit der besser beteilten Gesellschafts-
sdiiditen übersehen hat. Es braucht nicht gesagt zu werden,
dalj eine Kultur, welche eine so grolje Zahl von Teil-
nehmern unbefriedigt läJjt und zur Auflehnung treibt,
weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, nodi es
verdient.
Das Maij von Vermnerlidiung der Kulturvorsdiriften
— populär und unpsyaiologiseh ausgedrückt ; das moralisdie
Niveau der Teilnehmer — ist nicht das einzige seelisdie
Gut, das für die vVürdigung einer Kultur in Betradit
kommt. Daneben steht ihr Besitz an Idealen und an
Freud: IUu.lon. 2 1J
Kunstscböpfungen, d. Ix. die Befriedigungen, die aus Leiden
gewonnen werden.
Man wird nur allzuleidit geneigt sein, die Ideale einer
Kultur, d. b. die Wertungen, welcb.es die bödiststebenden
und am meisten anzustrebenden Leistungen seien, unter
deren psydnsdie Besitztümer aufzunelimen. Zunädist
scbeint es, als ob diese Ideale die Leistungen des Kultur-
preises Bestimmen würden ; der wirtliche Hergang dürfte
aber der sein, dal^ sidx die Ideale nadi den ersten Lei-
stungen bilden, weldie das Zusammenwirken von innerer
Begabung und äuljeren Verbältnissen einer Kultur er-
möglidit und dalj diese ersten Leistungen nun vom Ideal
zur Fortfübrung festgebalten werden. Die Befriedigung,
die das Ideal den Kulturteilnebmern scbenkt, ist also
narzi^tisdier Natur, sie rubt auf dem Stolz auf die be-
reits geglückte Leistung. Zu ibrer Vervollständigung be-
darf sie des Vergleicbs mit anderen Kulturen, die sidi
auf andere Leistungen geworfen und andere Ideale ent-
wickelt baben. Kraft dieser Differenzen spricbt sidi jede
Kultur das Redit zu, die andere gering zu sdiätzen. Auf
solcbe Weise werden die Kulturideale AnlaJ^ zur Ent-
zweiung und Verfeindung zwisdien versdiiedenen Kultur-
preisen, wie es unter Nationen am deutlidisten wird.
Die narzil^tisdie Befriedigung aus dem Kulturldeal
gebort audi zu jenen Mäcbten, die der Kulturfeindscbaft
innerhalb des Kulturkreises erfolgreidi entgegenwirken.
Nicbt nur die bevorzugten Klassen, welcbe die Wobl-
x8
taten dieser Kultur genießen, sondern audi die Unter-
drückten können an ihr Anteil haben, indem die Be-
reditigung, die Außenstehenden zu veraditen, sie für die
Beeinträchtigung in ihrem eigenen Kreis entschädigt. Man
ist zwar ein elender, von odiulden und Kriegsdiensten
geplagter Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat seinen
Anteil an der Aufgabe, andere Nationen zu beherr-
schen und ihnen Gesetze vorzusdireiben. Diese Identi-
fizierting der Unterdrüdtten mit der sie beherrsdienden
und ausbeutenden Klasse ist ater nur ein Stück eines
größeren Zusammenhanges. Anderseits können jene affektiv
an diese gebunden sein, trotz der Feindseligkeit ihre Ideale
in ihren Herren erblidcen. Wenn nicht solche im Grunde
befriedigende Beziehungen bestünden, bliebe es unver-
ständlidi, dal) so manche Kulturen sidi trotz berechtigter
Feindseligkeit großer Mensdienmassen so lange Zeit er-
halten haben.
Von anderer Art ist die Befriedigung, weldie die
Kunst den Teilhabern an einem Kulturkreis gewährt,
obwohl diese in der Regel den Massen, die durch er-
sdiöpfende Arbeit in Anspruch genommen sind und
keine persönlidie Erziehung genossen haben, unzugäng-
lich bleibt. Die Kunst bietet, wie wir längst gelernt
haben, Ersatzbefriedigungen für die ältesten, immer nodi
am tiefsten empfundenen Kulturverzidite und wirkt dar-
um wie nidits anderes aussöhnend mit den für sie ge-
braditen Opfern. Anderseits heben ihre Sdiöpfungen
die Identifizierungsgefühle, deren jeder Kulturpreis so
setr bedarf, durdi den Anla| zu gemeinsam erlebten,
bodieingesdiätzten Empfindungen; sie dienen aber audi
der narzi|tisdien Befriedigung, wenn sie die Leistungen
der besonderen Kultur darstellen, in eindrucksvoller Art
an ihre Ideale mannen.
Das vielleicht bedeutsamste Stück des psydiisdien
Inventars einer Kultur liat nodi keine Erwähnung ge-
funden. Es sind ihre im weitesten Sinn religiösen Vor-
stellungen, mit anderen später zu reditfertigenden Worten,
ihre Illusionen.
20
III
^N^orin liegt der besondere \\^ert der religiösen Vor-
stellungen?
AV^ir Laben von Kulturfeindseligkeit gesprodien, erzeugt
durai den Druck, den die Kultur ausübt, die Triebver-
zidite, die sie verlangt. Denkt man sidi llire Verbote
aufgeboben, man darf also jetzt zum /Sexualobjekt jedes
W^eib wählen, das einem gefällt, darf seinen Rivalen
beim vVeib, oder wer einem sonst im YYeg Stent, ohne
Bedenken erscblagen, kann dem anderen audi irgend-
eines seiner Güter wegnehmen, obne llin um Erlaubnis
zu fragen, wie scbön, weldi eine Kette von Befriedi-
gungen 'wäre dann das Leben! Zwar findet man bald
die näcbste (Schwierigkeit. Jeder andere bat genau die-
selben VVünsdie wie idi und wird mich mdit sdionender
bebandeln als idi lbn. Im Grunde kann also nur ein
Einziger durdi soldie Aufbebung der Kultureinsdirän-
kungen uneingesdiränkt glücklidi -werden, ein Tyrann,
ein Diktator, der alle ^Machtmittel an sidi gerissen bat,
und auch der bat allen Grund zu wünschen, daf3 die
21
Anderen wenigstens dies eine Kulturgebot einlialten: du
sollst nidit töten.
Aber wie undankbar, wie kurzsiditig überhaupt, eine
Aufhebung der Kultur anzustreben! Was dann übrig
bleibt, ist der Naturzustand und der ist weit sdiwerer
zu ertragen. Es ist wahr, die Natur verlangte von uns
keine Triebeinsdiränkungen, sie lielje uns gewähren,
aber sie hat ihre besonders wirksame Art uns zu be-
schränken, sie bringt uns um, kalt, grausam, rücksidits-
los wie uns sdieint, möglidierweise gerade bei den An-
lässen unserer Befriedigung. Eben wegen dieser Gefahren,
mit denen die Natur uns droht, haben wir uns ja zu-
sammengetan und die Kultur geschaffen, die unter anderem
audi unser Zusammenleben möglidi machen soll. Es ist
ja die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseins-
grund, uns gegen die Natur zu verteidigen.
Es ist bekannt, dai" sie es in manchen Stücken schon
jetzt leidlidi gut trifft, sie wird es offenbar später ein-
mal viel besser machen. Aber kein Mensdi gibt sidi der
Täusdmng hin zu glauben, dal^ die Natur jetzt schon
bezwungen ist; wenige wagen zu hoffen, dafj sie einmal
dem Menschen ganz unterworfen sein wird. Da sind
die Elemente, die jedem menschlichen Zwang zu spotten
scheinen, die Erde, die bebt, zerrest, alles Menschliche
und Mensdienwerk begräbt, das Wasser, das im Auf-
ruhr alles überflutet und ersäuft, der Sturm, der es weg-
bläst, da sind die Krankheiten, die wir erst seit kurzem
2a
als die Angriffe anderer Lebewesen erkennen, endlich
das sdimerzliche Rätsel des Todes, gegen den bisher kein
Kräutlein gefunden wurde und wahrsdiemlidi keines
gefunden werden wird. Mit diesen Gewalten stellt die
Natur wider uns auf, großartig, grausam, unerbittlich,
rüdtt uns wieder unsere Schwädie und Hilflosigkeit vor
Augen, der wir uns durch die Kulturarbeit zu entziehen
gedachten. Es ist einer der wenigen erfreulidien und er-
hebenden Eindrüdte, die man von der Menschheit haben
kann, wenn sie angesidits einer Elementarkatastrophe
ihrer Kulturzerfahrenheit, aller inneren jSdiwierigkeiten
und Feindseligkeiten vergibt und sidi der großen gemein-
samen Aufgabe, ihrer Erhaltung gegen die Übermacht
der Natur, erinnert.
Wie für die Mensdiheit im ganzen, so ist für den
Einzelnen das Leben sdiwer zu ertragen. Ein Stück Ent-
behrung legt ihm die Kultur auf, an der er Teil hat,
ein Malj Leiden bereiten ihm die anderen Menschen,
entweder trotz der Kulturvorsdiriften oder infolge der
Unvollkommenheit dieser Kultur. Dazu kommt, was ihm
die unbezwungene Natur — er nennt es Sdiicksal — an
Sdiädigung zufügt. Ein ständiger ängstlidier Erwartungs-
zustand und eine schwere Kränkung des natürlichen
Narzihmus sollte die Folge dieses Zustandes sein. Wie
der Einzelne gegen die Schädigungen durdi die Kultur
d die Anderen reagiert, wissen wir bereits, er ent-
ickelt ein entsprechendes Maf3 von Widerstand gegen
uii'
wi
die Einrichtungen dieser Kultur, von Rulturfeindschaft.
Aber wie setzt er sich gegen die Übermächte der Natur,
des Schicksals, zur Wehr, die ihm wie allen anderen
drohen ?
Die Kultur nimmt ihm diese Leistung ah, sie besorgt
sie für alle in gleidxer Weise, es ist aui bemerkens-
wert, da£ so 2 iemlidx alle Kulturen hierin das gleiche
tun. Sie macht nicht etwa halt in der Erledigung ihrer
Aufgahe, den Menschen gegen die Natur 2U verteidi-
gen, sie setzt sie nur mit anderen Mitteln fort. Die
Aufgahe ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte
Selbstgefühl des Menschen verlangt nach Trost, der Welt
und dem Lehen sollen ihre Schred.en genommen werden,
nehenhei will audi die Wißbegierde der Menschen, die
freilidayon dem stärksten praktischen Interesse angesehen
wird, eine Antwort haben.
Mit dem ersten Schritt ist bereits sehr viel gewonnen.
Und dieser ist, die Natur zu vermenschlichen. An die
unpersönlichen Kräfte und Sdnctsale kann man nicht
neran, sie bleiben ewig fremd. Aber wenn in den Ele-
menten Leidenschaften toben wie in der eigenen Seele,
wenn selbst der Tod nichts Spontanes ist, sondern dij
Gewalttat eines hösen Willens, wenn man überall
in der Natur Wesen um sieh hat, wie man sie aus der
eigenen Gesellschaft kennt, dann atmet man auf, fühlt
sich heimisdx im Unheimlichen, kann seine sinnlose Angst
psychisch bearbeiten. Man ist vielleicht „och wehrlos,
24
aber nicht mehr hilflos gelähmt, man kann zum min-
desten reagieren, ja vielleicht ist man nicht einmal wehr-
los, man Kann gegen diese gewalttätigen Übermenschen
drauhen dieselben Mittel in Anwendung bringen, deren
man sich in seiner Gesellschaft bedient, hann versudien,
sie zu beschwören, besdiwichtigen, bestechen, raubt ihnen
durch soldie Beeinflussung einen Teil ihrer Madit. iSolai
em Ersatz einer Naturwissensdiaft durch Psyaiologie
sdiafft nidit bloJg sofortige Erleichterung, er zeigt auch
den Weg zu einer weiteren Bewältigung der /Situation.
Denn diese Situation ist nichts Treues, sie hat ein in-
fantiles Vorbild, ist eigentlidi nur die Fortsetzung des
früheren, denn in solcher Hilflosigkeit hatte man sidi
sdion einmal befunden, als kleines Kind einem Eltern-
paar gegenüber, das man Grund hatte zu fürditen, zu-
mal den V ater, dessen Sdiutzes man aber auda siaier
war gegen die Gefahren, die man damals kannte. So
lag es nahe, die beiden Situationen einander anzu-
gleidien. Audi kam wie im Traumleben der Wunsdi
dabei auf seine Rechnung. Eine Todesahnung befällt
den Schlafenden, will ihn in das Grab versetzen, aber
die Traumarbeit weil} die Bedingung auszuwählen, unter
der auch dies gefürchtete Ereignis zur Wunscherfüllung
wird; der Träumer sieht sich in einem alten Etrusker-
grab, in das er selig über die Befriedigung seiner archäo-
logisdien Interessen hinabgestiegen war. Ähnlidi madit
der Mensch die Naturkräfte nicht einfach zu Mensdien,
mit denen er wie mit seinesgleichen verkehren kann,
das würde auch, dem überwältigenden Eindruck nickt ge-
redit werden, den er von ihnen hat, sondern er gitt
ihnen Vatercharakter, madit sie zu Göttern, folgt dahei
nicht nur einem infantilen, sondern audi, wie ich ver-
sudit hahe zu zeigen, einem phylogenetisdien Vorhild.
Mit der Zeit werden die ersten Beobaditungen von
Regel- und Gesetzmäßigkeit an den Naturerscheinungen
gemadit, die Naturkräfte verlieren damit ihre mensch-
lichen Züge. Aher die Hilflosigkeit der Mensdien hleiht
und damit ihre Vatersehnsucht und die Götter. Die
Götter hehalten ihre dreifadie Aufgahe, die Sdirecken
der Natur zu hannen, mit der Grausamkeit des iSchick-
sals, hesonders wie es sich im Tode zeigt, zu versöhnen
und für die Leiden und Entbehrungen zu entschädigen,
die dem Mensdien durdi das kulturelle Zusammenlehen
auferlegt werden.
Aher allmählidi verschieht sich innerhalb dieser Lei-
stungen der Akzent. Man merkt, dafj die Naturerschei-
nungen sich nach inneren Notwendigkeiten von seihst
ahwidieln; gewif3 sind die Götter die Herren der Natur,
sie haben sie so eingerichtet und können sie nun sich
selbst überlassen. Nur gelegentlich greifen sie in den
sogenannten Wundern in ihren Lauf ein, wie um zu
versidiern, dal) sie von ihrer ursprünglidien Maditsphäre
nidits aufgegeben haben. V^as die Austeilung der (Schick-
sale betrifft, so bleibt eine unbehaglidie Ahnung be-
stellen, dalj der Rat- und Hilflosigkeit des Menschen-
gesckledits nidit abgeholfen werden kann. Hier versagen
die Götter am eliesten; wenn sie selbst das odiicksal
machen, so muij man iliren Ratsdiluij unerforsdilick
keinen; dem begabtesten Volk des Altertums dämmert
die Einsicht, dal} die Moira iVber den Göttern stekt
und dalj die Götter seltst ikre iSchidisale kaken. Und je
mekr die Natur selbständig wird, die Götter sick von
ikr zurückzieken, desto ernstkafter drängen alle Erwartun-
gen auf die dritte Leistung, die iknen zugewiesen ist,
desto mekr wird das Moraliscke ikre eigentlidie Domäne.
Göttliche Aufgake wird es nun, die Mängel und Dekaden
der Kultur auszugleichen, die Leiden in ackt zu nekmen,
die die Mensdien im .Zusammenleben einander zufügen,
über die Ausfükrung der Kulturvorsckriften zu wachen,
die die Mensdien so sdileckt befolgen. Den Kultur-
vorsckriften selbst wird göttlicker Ursprung zug^esprodien,
sie werden über die mensdilidie Gesellsdiaft kinausge-
koben, auf Natur und Weltgesckeken ausgedeknt.
So wird ein jSckatz von Vorstellungen gesdiaffen, ge-
boren aus dem Bedürfnis, die menseklicke Hilflosigkeit
erträglick zu macken, erbaut aus dem Material der Er-
innerungen an die Hilflosigkeit der eigenen und der Kind-
keit des Mensdiengesckledits. Es ist deutlidi erkennbar,
dalj dieser Besitz den Menschen nach zwei Richtungen
besekützt, gegen die Gefakren der Natur und des iSckick-
sals und gegen die Sdiädigungen aus der menscklicken
Gesellschaft selbst. Im Zusa.mxacnh.ang lautet es: das
Lehen in dieser Welt dient einem liölieren Zweck, der
zwar nidit leidit zu erraten ist, aber gewilj eine Ver-
vollkommnung des menschlidien Wesens bedeutet. Wahr-
scheinlich soll das Geistige des Menschen, die (Seele, die
sich im Lauf der Zeiten so langsam und widerstretend
vom Körper getrennt nat, das Objekt dieser Erhebung
und Erhöhung sein. Alles was in dieser Welt vor sich
geht, ist Ausführung der Atsiditen einer uns überlegenen
Intelligenz, die, wenn auch auf schwer zu verfolgenden
Wegen und Umwegen, schlieljlidi alles zum Guten, d. h.
für uns Erfreulidien lenkt. Über jedem von uns wacht
eine gütige, nur scheinbar gestrenge Vorsehung, die nicht
zuläht, dalj wir zum (Spielball der überstarken und
sdionungslosen Naturkräfte werden; der Tod selbst ist
keine Verniditung, keine Rückkehr zum anorganisch
Leblosen, sondern der Anfang einer neuen Art von
Existenz, die auf dem Wege der Höherentwicklung
liegt. Und nadi der anderen (Seite gewendet, dieselben
(Sittengesetze, die unsere Kulturen aufgestellt nahen, te-
herrsdien auch alles Weltgeschehen, nur werden sie von
einer höchsten richterlichen Instanz mit ungleich mehr
Madit und Konsequenz behütet. Alles Gute findet end-
lidi seinen Lohn, alles Böse seine Strafe, wenn nidit
sdion in dieser Form des Lebens, so in den späteren
Existenzen, die nach dem Tod beginnen. (Somit sind alle
(Schrecken, Leiden und Härten des Lebens zur Austilgung
2 8
bestimmt; das Leben nacli dem Tode, das unser irdisdies
Leben fortsetzt, 'wie das unsiditbare «Stück des Spektrums
dem sichtbaren angefügt ist, Dringt all die Vollendung,
die wir liier vielleicht vermißt haben. Und die über-
legene Weisheit, die diesen Anlauf lenkt, die Allgüte,
die sich in llim ankert, die Gereditigkeit, die sidi m
ihm durclisetzt, das sind die Eigenschaften der göttlidien
Wesen, die audi uns und die Welt im Ganzen ge-
sdiallen haben. Oder vielmelir des einen göttlidien
Wesens, zu dem sidi in unserer Kultur alle Götter der
V orzeiten verdiditet haben. Das V olk, dem zuerst solche
Konzentrierung der göttlichen Eigenschaften gelang, war
mait 'wenig stolz auf diesen Fortsdiritt. Es Latte den
väterlidien Kern, der von jener hinter jeder Gottes-
gestalt verborgen war, freigelegt; im Grunde war es eine
Rückkehr zu den historischen Anfängen der Gottesidee.
Nun, da Gott em Einziger war, konnten die Beziehun-
gen zu ihm die Innigkeit und Intensität des kindlichen
V erhältmsses zum Vater wiedergewinnen. Wenn man
soviel für den Vater getan hatte, -wollte man aber audi
belohnt werden, zum mindesten das einziggeliebte Kind
sein, das auserwählte Volk. Sehr viel später erhebt das
fromme Amerika den Anspruch, »God s own countiy« zu
sein, und für eine der Formen, unter denen die JMensaien
die Gottheit verehren, trifft es auch zu.
Die religiösen Vorstellungen, die vorhin zusammen-
gefaßt wurden, haben natürliai eine lange Entwicklung
2 9
durchgemacht, sind von versdiiedenen Kulturen in ver-
schiedenen Pliasen festgehalten worden. Ich habe eine
einzelne soldie Entwicklungsphase herausgegriffen, die
etwa der Endgestaltung in unserer heutigen weisen, dirist-
lidien Kultur entspridit. Es ist leidit zu bemerken, dal}
nidit alle Otücke dieses Ganzen gleidi gut zueinander
stimmen, dalj nidit alle dringenden Fragen beantwortet
werden, dalj der Widersprudi der täglidien Erfahrung
nur mit Mühe abgewiesen werden kann. Aber so wie
sie sind, werden diese V orstellungen — die im weitesten
oinn religiösen — als der kostbarste Besitz der Kultur
eingesdiätzt, als das ^Wertvollste, was sie ihren Teil-
nehmern zu bieten hat, -weit höher gesdiätzt als alle
Künste, der Erde ihre odiätze zu entlocken, die Mensch-
heit mit Nahrung zu versorgen oder ihren Krankheiten
vorzubeugen usw. Die JMensdien meinen, das Lehen
nidit ertragen zu können, wenn sie diesen Vorstellungen
nidit den vVert beilegen, der für sie beansprucht wird.
Und nun ist die Frage, was sind diese Vorstellungen
im Lidite der Psydiologie, woher beziehen sie ihre Hoch-
sdiätzung und um sdiüditern fortzusetzen : was ist ihr
■wirklicher W^ert ?
3o
IV
Eine Untersuchung, die ungestört fortschreitet wie ein
Monolog, ist nicht ganz ungefährlich. Man gibt zu leicht
der V ersuchung nadi, Gedanken zur »Seite zu sdiieben,
die sie unterhredien wollen, und tausdit dafür ein Ge-
fühl von Unsidierheit ein, das man am Ende durch allzu
grobe Entschiedenheit übertönen will. Idi stelle mir also
einen Gegner vor, der meine Ausführungen mit Miß-
trauen verfolgt, und lasse ihn von" Stelle zu Stelle zu
vS^orte kommen.
Ich höre ihn sagen : »Sie hahen wiederholt die Aus-
drüdie gebraudit : die Kultur schafft diese religiösen Vor-
stellungen, die Kultur stellt sie ihren Teilnehmern zur
Verfügung, daran klingt etwas befremdend; ich könnte
seihst nicht sagen warum, es hört sich nicht so selhstver-
ständliai an, wie dalj die Kultur Anordnungen gesdiaffen
hat üher die Verteilung des Arbeitsertrags oder über
die Rechte an vV^eib und Kind.«
Ich meine aber doch, daß man bereditigt ist, sich so
auszudrücken. Ich habe versucht zu zeigen, daß die reli-
giösen Vorstellungen aus demselben Bedürfnis hervor-
gegangen sind wie alle anderen Errungenschaften der
Kultur, aus der Notwendigkeit, sidi gegen die erdrückende
Ubermadit der Natur zu verteidigen. Dazu kam ein
zweites Motiv, der Drang, die peinlidi verspürten Un-
vollkommenteiten der Kultur zu korrigieren. Es ist
audi Besonders zutreffend zu sagen, dal^ die Kultur dem
Einzelnen diese Vorstellungen schenkt, denn er findet
sie vor, sie werden ikm fertig entgegengebradit, er wäre
nidit imstande, sie allein zu finden. Es ist die Erb-
sdiaft vieler Generationen, in die er eintritt, die er
übernimmt wie das Einmaleins, die Geometrie u. a. Es
gibt hiertei freilidi einen Untersdiied, aber der liegt
anderswo, kann jetzt noch nidit beleuditet werden.
An dem Gefülil von Befremdung, das »Sie erwärmen,
mag es Anteil taten, dalj man uns diesen Besitz von
religiösen Vorstellungen als göttlidie Offenbarung vor-
zuführen pflegt. Allein das ist selbst sdion ein Stück
des religiösen Systems, vernadilässigt ganz die uns be-
kannte historische Entwicklung dieser Ideen und ilire
Versdiiedenlieiten in versdiiedenen Zeiten und Kulturen.
»Ein anderer Punkt, der mir widitiger ersdieint. iSie
lassen die Vermenschlidiung der Natur aus dem Bedürf-
nis liervorgelien, der mensdilidien Rat- und Hilflosigkeit
gegen deren gefürditete Kräfte ein Ende zu macken, sich
in Bezieliung zu iknen zu setzen und sie endlidi zu be-
einflussen. Aber ein solches Motiv scheint überflüssig zu
sein. Der primitive Mensch, hat ja keine ~W ahl, keinen
anderen 'Weg des Denkens. Es ist ihm natürlich, wie ein-
geboren, daß er sein Wiesen in die V^elt hinausprojiziert,
alle Vorgänge, die er beobachtet, als Äußerungen von
\fesen ansieht, die im Grunde älinlich sind -wie er selbst.
Es ist das die einzige Methode seines Begreifens. Und
es ist keineswegs selbstverständlich, viel mehr ein merk-
würdiges Zusammentreffen, wenn es mm gelingen sollte,
durai solches Gewährenlassen seiner natürlichen Anlage
eines seiner grollen Bedürfnisse zu befriedigen.«
Ich. finde das nicht so auffällig. Mxinen oie denn,
daß das Denken der Mensdien keine praktischen Mo-
tive kennt, bloß der Ausdruck einer uneigennützigen
Wißbegierde ist? Das ist dock sehr unwahrscheinlich.
Eher glaube ich, daß der Mensch, auch wenn er die
TSTaturkräfte personifiziert, einem infantilen Vorbild
folgt. Er hat an den Personen seiner ersten Umgebung
gelernt, daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt,
dies der AVeg ist, um sie zu beeinflussen, und darum
behandelt er später in der gleichen Absicht alles andere,
was ihm begegnet, wie jene Personen. Ich widerspreche
also Ihrer deskriptiven Bemerkung nicht, es ist wirklich
dem Menschen natürlich, alles zu personifizieren, was
er begreifen will, um es später zu beherrschen, — die
psydiische Bewältigung als Vorbereitung zur physischen, —
aber iai gebe M.otiv und Genese dieser Eigentümlich-
keit des menschlichen Denkens dazu.
Freud: Illusion. 3
33
»Und jetzt nom ein drittes: Sie hahen ja den Ur-
sprung der Religion früher einmal behandelt, in Urem
Bück ,Totem und Tabu'. Aber dort sielit es anders aus.
Alles ist das Sonn- Vater- Verhältnis, Gott ist der erhöhte
V ater, die Vatersehnsucht ist die VV urzel des religiösen
Bedürfnisses. Seither, scheint es, haben Sie das Moment
der menschlichen Ohnmacht und Hilflosigkeit entdeckt,
dem ja allgemein die gröijte Rolle hei der Religions-
bildung zugeschriehen wird, und nun schreiben Sie alles
auf Hilflosigkeit um, -was früher Vaterkomplex war.
Darf ich Sie um Auskunft üher diese V/andlung hitten ?«
Gern, ich wartete nur auf diese Aufforderung. AV^enn
es wirklich eine Wandlung ist. In »Totem und Tahu«
sollte nicht die Entstehung der Religionen erklärt werden,
sondern nur die des Totemismus, Können Sie von irgend-
einem der Ihnen hekannten Standpunkte verständlidi
machen, daJj die erste Form, in der sich die schützende
Gottheit dem Menschen offenharte, die tierische war,
dal} ein Verbot bestand, dieses Tier zu töten und zu
verzehren, und doch die feierlidie Sitte, es einmal im
Jahr gemeinsam zu töten und zu verzehren ? Gerade
das hat im Totemismus statt. Und es ist kaum zwedt-
mälug, darüher zu streiten, oh man den Totemismus
eine Religion herben soll. Er hat innige Beziehungen
zu den späteren Gottesreligionen, die Totemtiere werden
zu den heiligen Tieren der Götter. Und die ersten, aber
tiefgehendsten, sittlichen Beschränkungen — das Mord-
34
und das Inzestverbot — entstehen auf dem Boden des
Totemismus. OL Sie nun die Folgerungen von »Totem
und Tabu« annehmen oder nidit, ich holte, Sie werden
zugeben, dal} in dem Buch eine Anzahl von sehr merk-
würdigen versprengten Tatsachen zu einem Konsistenten
Ganzen zusammengefaßt ist.
"Warum der tierische Gott auf die Dauer nicht ge-
nügte und durdi den menschlidien abgelöst wurde, das
ist in »Totem und Tabu« kaum gestreift worden, andere
Probleme der Religionsbildung linden dort überhaupt
keine Erwähnung. Halten Sie solche Beschränkung für
identisch mit einer Verleugnung ? Meine Arbeit ist ein
gutes Beispiel von strenger Isolierung des Anteils, den
die psychoanalytisaie Betrachtung zur Lösung des reli-
giösen Problems leisten kann. W^enn ich jetzt versudie,
das andere, weniger tief Versteckte hinzuzufügen, so
sollen Sie mich nicht des Widerspruchs besaiuldigen
wie früher der Einseitigkeit. Es ist natürlich meine Auf-
gabe, die Verbindungswege zwischen dem früher Ge-
sagten und dem jetzt Vorgebrachten, der tieferen und
der manifesten Motivierung, dem Vaterkomplex und der
Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit des Mensdien auf-
zuzeigen.
Diese Verbindungen sind nicht saiwer zu finden. Es
sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des Kindes zu
der sie fortsetzenden des Erwachsenen, so dalj, wie zu
erwarten stand, die psychoanalytische Motivierung der
Religionsbildung der infantile Beitrag zu ihrer mani-
festen Motivierung -wird. Versetzen -wir uns in das
Seelenleben des kleinen Kindes, Sie erinnern sicn an
die Objektwahl nadi dem Anlehnungstypus, von dem die
Analyse spricht ? Die Libido folgt den V/egen der nar-
zißtischen Bedürfnisse und lieftet siai an die Objekte,
welche deren Befriedigung versickern. 1S0 wird die Mutter,
die den Hunger befriedigt, zum ersten Liebesobjekt und
gewiij auch zum ersten Schutz gegen alle die unbe-
stimmten, in der Außenwelt drohenden Gefahren, zum
ersten Angstsdiutz, dürfen wir sagen.
In dieser Funktion wird die Mutter bald von dem
stärkeren V ater abgelöst, dem sie nun über die ganze
Kindheit verbleibt. Das Verhältnis zum Vater ist aber
mit einer eigentümlichen Ambivalenz behaftet. Er war
selbst eine Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhält-
nis zur Mutter her. oo fürchtet man ihn nicht minder,
als man sich nadi ihm sehnt und ihn bewundert. Die
Anzeidien dieser Ambivalenz des Vaterverhältnisses sind
allen Religionen tief eingeprägt, wie audi in »Totem und
Tabu« ausgeführt wird. W'enn nun der Heranwachsende
merkt, dal} es ihm bestimmt ist, immer ein Kind zu
bleiben, dalj er des odiutzes gegen fremde Übermächte
nie enthehren kann, verleiht er diesen die Züge der
Vatergestalt, er sdiafft sich die Götter, vor denen er sich
fürchtet, die er zu gewinnen sucht und denen et; doch
einen Ochutz überträgt. iSo ist das Motiv der Vajer-
36
Sehnsucht identisch mit dem Bedürfnis nach Ochutz gegen
die Folgen der menschlichen Ohnmacht; die Abwehr
der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der Reaktion auf
die Hilflosigkeit, die der Erwachsene anerkennen muij,
ehen der Religionshildung, ihre charakteristischen Züge.
Aher es ist nidit unsere Ansicht, die Entwicklung der
Gottesidee weiter zu erforsdien; wir haben es hier mit
dem fertigen Schatz von religiösen Vorstellungen zu
tun, wie ihn die Kultur dem Einzelnen übermittelt.
3 7
Um den Faden der Untersuchung wieder aufzunehmen :
VV elches ist also die psychologisdie Bedeutung der reli-
giösen Vorstellungen, als -was können wir sie klassifi-
zieren ? Die Frage ist zunächst gar nickt leickt zu be-
antworten. Nach Abweisung verschiedener Formulierungen
wird man hei der einen stehen bleiben : Es sind Lehr-
sätze, Aussagen über Tatsachen und Verhältnisse der
äuheren (oder inneren) Realität, die etwas mitteilen, was
man selbst nicht gefunden hat und die beansprudien, dajj
man ihnen Glauben schenkt. Da sie Auskunft geben über
das für uns VV ichtigste und Interessanteste im Leben, werden
sie besonders hochgeschätzt. Vv er nichts von ihnen weil},
ist sehr unwissend; wer sie in sein vVissen aufgenommen
hat, darf sich für sehr bereichert halten.
Ls gibt natürlidi viele soldie Lehrsätze über die ver-
sdnedenartigsten Dinge dieser VV^elt. Jede Schulstunde ist
voll von ihnen. \\^ählen wir die geographische. AV'ir
hören da : Konstanz liegt am Bodensee. Ein Otudenten-
lied setzt hinzu : AVer's nicht glaubt, geh' hin und seh'.
38
Idi -war zufällig dort und kann bestätigen, die schöne
Stadt liegt am Ufer eines weiten Gewässers, das alle
Umwohnenden Bodensee heiben. Idi bin jetzt auch, von
der Richtigkeit dieser geographischen Behauptung voll-
kommen überzeugt. Dabei erinnere ich mich an ein an-
deres, sehr merkwürdiges Erlebnis. Idi war schon ein
gereifter Atann, als ich zum erstenmal auf dem Hügel
der athenischen Akropolis stand, zwisdien den Tempel-
ruinen, mit dem Blick aufs blaue Meer. In meine Be-
glückung mengte sich ein Gefühl von Erstaunen, das
mir die Deutung eingab : Also ist das wirklich so, wie
wir's in der iSdiule gelernt hatten ! ^V^as für seichten und
kraftlosen Glauben an die reale "Wahrheit des Gehörten
muJj ich damals erworben haben, wenn ich heute so er-
staunt sein kann! Aber ich will die Bedeutung dieses
Erlebnisses nicht zu sehr betonen ; es ist noch eine an-
dere Erklärung meines Erstaunens möglich, die mir da-
mals nicht einfiel, die durchaus subjektiver Natur ist
und mit der Besonderheit des Ortes zusammenhängt.
Alle solche Lehrsätze verlangen also Glauben für
ihre Inhalte, aber nicht ohne ihren Anspruch zu be-
gründen. Sie geben sich als das abgekürzte Resultat
eines längeren, auf Beobachtung, gewilj auch iSchluJg-
folgerung gegründeten Denkprozesses ; wer die Absicht
hat, diesen Prozelj selbst durchzumachen, anstatt sein
Ergebnis anzunehmen, dem zeigen sie den W^g dazu.
Es wird immer auch hinzugesetzt, woher man die Kennt-
3. 9
nis tat, die der Lehrsatz verkündet, wo er nickt, wie
Lei geographischen Behauptungen, seltstverständlich ist.
Zum Beispiel die Erde hat die Gestalt einer Kugel; als
Beweise dafür werden angefülirt der Foucaultsche Pendel-
versudi, das Verhalten des Horizonts, die Möglidileit,
die Erde zu umsdiiffen. Da es, wie alle Beteiligten
einsehen, untunlich ist, alle (Sdiulkinder auf Erdumseg-
lungen zu schicken, tescheidet man sich damit, die Lehren
der (Schule auf »Treu und Glauben« annehmen zu lassen,
ater man weil}, der Weg zur persönlichen Uterzeugung
tleibt offen.
Versuchen wir die religiösen Lehrsätze mit demselten
Mah zu messen. "Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf
sich ihr Anspruch gründet, geglautt zu werden, ertalten
wir drei Antworten, die merkwürdig schleckt zusammen-
stimmen. Erstens, sie verdienen Glauten, weil sdion
unsere Urvorväter sie geglautt taten, zweitens tesitzen
wir Beweise, die uns aus eten dieser Vorzeit überliefert
sind, und drittens ist es ütertaupt vertoten, die Frage
nach dieser Beglautigung aufzuwerfen. Dies Unterfangen
wurde früter mit den allertärtesten (Strafen telegt und
noch heute sieht es die Gesellschaft ungern, daij jemand
es erneuert.
Dieser dritte Punkt mufj unsere stärksten Bedenken
wecken. Ein solches Vertot kann doch nur die eine
Motivierung taten, dat" die Gesellsdiaft die Unsicher-
heit des Anspruchs sehr wohl kennt, den sie für ihre reli-
4°
giösen Lehren erhebt, vv äre es anders, so -würde sie ge-
wih jedem, der sich seihst eine Überzeugung schaffen
will, das Material dazu bereitwilligst zur Verfügung
stellen. "Wir gehen darum mit einem nicht leicht zu be-
schwichtigenden Miljtrauen an die Prüfung der beiden an-
deren Beweisgründe. vVir sollen glauben, weil unsere Ur-
väter geglaubt haben. Aber diese unsere Ahnen waren weit
unwissender als -wir, sie haben an Dinge geglaubt, die
wir heute unmöglich annehmen können. Die Möglich-
keit regt sich, dal} audi die religiösen Lehren von solcher
Art sein könnten. Die Beweise, die sie uns hinterlassen
haben, sind in Ochriften niedergelegt, die seihst alle
Charaktere der XJnzuverlässigkeit an sich tragen. Sie
sind widerspruchsvoll, überarbeitet, verfälscht; -wo sie
von tatsächliaien Beglaubigungen berichten, selbst unbe-
glaubigt. Es hilft nicht viel, wenn für ihren "Wortlaut
oder auch nur für ihren Inhalt die Herkunft von gött-
licher Offenbarung behauptet wird, denn diese Behaup-
tung ist bereits selbst ein Stück jener Lehren, die auf
ihre Glaubwürdigkeit untersucht werden sollen, und kein
»Satz kann sich doch selbst beweisen.
So kommen -wir zu dem sonderbaren Ergebnis, dalj
gerade diejenigen Mitteilungen unseres Kulturbesitzes,
die die gröfjte Bedeutung für uns haben könnten, denen
die Aufgahe zugeteilt ist, uns die Rätsel der "Welt auf-
zuklären und uns mit den Leiden des Lehens zu ver-
söhnen, dal} gerade sie die allersdiwädiste Beglaubigung
4 1
haben, wir würden uns nicht entschließen tonnen, eine
für uns so gleichgültige Tatsache anzunehmen, wie daß
VVallische Junge gehären anstatt Eier abzulegen, -wenn
sie nicht besser erweisbar wäre.
Dieser oachverhalt ist an sich ein sehr merkwürdiges
psychologisches Problem. Auch möge niemand glauben,
daJg die vorstehenden Bemerkungen über die Unbeweis-
barkeit der religiösen Lehren etwas Neues enthalten,
oie ist zu jeder Zeit verspürt worden, gewiJj auch von
den Urahnen, die soldie Erbschaft hinterlassen haben.
Vyahrscheinlidi haben viele von ihnen dieselben Zweifel
genährt -wie wir, es lastete aber ein zu starker Druck
auf ihnen, als daß sie gewagt hätten, dieselben zu
äuljern. Und seither haben sich unzählige Menschen
mit den nämlichen Zweifeln gequält, die sie unter-
drücken wollten, weil sie sich für verpfliditet hielten
zu glauben, sind viele glänzende Intellekte an diesem
Konflikt gescheitert, haben viele Charaktere an den
Kompromissen Ochaden gelitten, in denen sie einen
Ausweg suchten.
Wenn alle Beweise, die man für die Glaubwürdig-
keit der religiösen Lehrsätze vorbringt, aus der Ver-
gangenheit stammen, so liegt es nahe umzuschauen, ob
nicht die besser zu beurteilende Gegenwart auch soldie Be-
weise liefern kann. VV^enn es gelänge, nur ein einzelnes
otück des religiösen iSystems soldier Art dem Zweifel
zu entziehen, so würde dadurai das Ganze auijerordent-
4*
lieh, an Glaubhaftigkeit gewinnen. Hier setzt die Tätig-
keit der Spiritisten ein, die von der Fortdauer der in-
dividuellen Seele überzeugt sind und uns diesen einen
Satz der religiösen Lehre zweifelsfrei demonstrieren
wollen. Es gelingt innen leider nicht zu widerlegen, daß
die Erscheinungen und Äußerungen ihrer Geister nur
Produktionen ihrer eigenen Seelentätigkeit sind. Sie
haben die Geister der größten Menschen, der hervor-
ragendsten Denker zitiert, aher alle Äußerungen und
Auskünfte, die sie von ihnen erhielten, waren so alhern,
so trostlos nichtssagend, daß man mdits anderes glaub-
würdig finden kann als die Fähigkeit der Geister, sidi
dem Kreis von Alenschen anzupassen, der sie herauf-
beschwört.
Man muß nun zweier Versuche gedenken, die den Ein-
druck krampfhafter Bemühung machen, dem Problem zu
entgehen. Der eine, gewaltsamer Natur, ist alt, der andere
subtil und modern. Der erstere ist das Credo quia ab-
surdum des Kirchenvaters. Das will besagen, die reli-
giösen Lehren sind den Ansprüchen der Vernunft ent-
zogen, sie stehen über der Vernunft. Man muß ihre
Wahrheit innerlich verspüren, braudit sie nicht zu be-
greifen. Allein dieses Credo ist nur als Selbstbekenntnis
interessant, als Machtspruch ist es ohne Verbindlichkeit.
Soll ich verpflichtet werden, jede Absurdität zu glauben?
Und wenn nicht, warum gerade diese ? Es gibt keine
Instanz über der Vernunft. V'enn die V^akrheit der reli-
4 3
giösen Lehren abhängig ist von einem inneren Erlebnis,
das diese Wahrheit bezeugt, was macht man mit den
vielen Menschen, die solch ein seltenes Erlebnis nicht
haben ? Man kann von allen Menschen verlangen, dal}
sie die Gabe der Vernunft anwenden, die sie besitzen,
aber man kann nicht eine für alle gültige Verpflichtung
auf ein Motiv aufbauen, das nur bei ganz wenigen exi-
stiert. Wenn der Eine aus einem ihn tief ergreifenden
ekstatischen .Zustand die unerschütterlidie Überzeugung
von der realen VV ahrheit der religiösen Lehren gewonnen
hat, was bedeutet das dem Anderen?
Der zweite Versuch ist der der Philosophie des »Als
ob«. Er führt aus, dal) es in unserer Denktätigkeit reich-
lich Annahmen gibt, deren Grundlosigkeit, ja deren
Absurdität wir voll einsehen. iSie werden Fiktionen ge-
heihen, aber aus mannigfachen praktisdien Motiven
müfjten wir uns so benehmen, »als ob« wir an diese
Fiktionen glaubten. Dies treffe für die religiösen Lehren
wegen ihrer unvergleichlidien Wichtigkeit für die Auf-
rechterhaltung der menschlidien Gesellschaft zu. 1 Diese
Argumentation ist von dem Credo quia absurdum nicht
weit entfernt. Aber ich meine die Forderung des »Als ob«
l) Idi lioffe kein Unrecht su begehen, wenn ich Jen Philosophen
des »Als od« eine Ansidit vertreten lasse, die auch anderen Denkern
nickt fremd ist. Vgl. H. Vailiinger, Die Philosophie des Als ob,
Siebente und adrte Auflage 1922, S. 68: »Vir ziehen in den Kreis
der Fiktion nicht nur gleichgültige, theoretische Operationen berein,
44
ist eine solche, wie sie nur ein Philosoph aufstellen
kann. Der durch die Künste der Philosophie in seinem
Denken nicht beeinfluhte Mensch -wird sie nie annehmen
können, für ihn ist mit dem Zugeständnis der Ahsurdität,
der Vernunftwidrigkeit, alles erledigt. Er kann nidit
dazu verhalten -werden, gerade in der Behandlung
seiner wiaitigsten Interessen auf die Sicherheiten zu ver-
ziditen, die er sonst für alle seine gewöhnlichen Tätig-
keiten verlangt. Ich erinnere mich an eines meiner
Kinder, das sich frühzeitig durai eine Besondere Be-
tonung der (Sadilichkeit auszeichnete. "Wenn den Kindern
ein Märchen erzählt wurde, dem sie andächtig lauschten,
kam er hinzu und fragte: Ist das eine -wahre Gesdiichte?
Nachdem man es verneint hatte, zog er mit einer
geringsdiätzigen Miene ah. Es steht zu erwarten, dal)
sidi die Menschen gegen die religiösen Märchen hald
ähnlich benehmen werden, trotz der Fürspradie des
»Als oh«.
Aber sie benehmen sich derzeit nodi ganz anders und
in vergangenen Zeiten haben die religiösen Vorstellungen
trotz ihres unbestreitbaren Mangels an Beglaubigung den
allerstärksten Einfluß auf die Menschheit geübt. Das ist
sondern Begriffsgehilde, welche die edelsten Menschen ersonnen nahen,
an denen das Hers des edleren Teiles der Meusdiheit hängt und
welche diese sich nicht entreißen läljt. Wir wollen das audi gar nicht
tun — als praktische Fiktion lassen wir das alles hestehen, als
theoretische Wahrheit aher stirht es dahin.«
4 5
ein neues psychologisches Problem. M.an muh fragen,
■worin besteht die innere Kraft dieser Lehren, -«reichem
Umstand verdanken sie ihre von der vernünftigen An-
erkennung unabhängige Wirksamkeit ?
4 6
VI
Ich meine, -wir hahen die Antwort auf beide Fragen
genügend vorbereitet. Sie ergibt sich, wenn wir die
psychische Genese der religiösen Vorstellungen ins Auge
lassen. Diese, die sich als Lehrsätze ausgehen, sind nicht
Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Den-
kens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärk-
sten, dringendsten V^ünsche der Menschheit; das Geheimnis
ihrer Stärke ist die Stärke dieser V^ünsche. AV^ir wissen
schon, der schreckende Eindruck der kindlichen Hilflosig-
keit hat das Bedürfnis nach Schutz — Schutz durch
Liehe — erweckt, dem der Vater abgeholfen hat, die
Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit durdas
ganze Lehen hat das Festhalten an der Existenz eines
— aher nun mäditigeren Vaters — verursacht. Durch
das gütige V^alten der göttlichen Vorsehung wird die
Angst vor den Gefahren des Lehens hesch wichtigt, die
Einsetzung einer sittlichen V^eltordnung versichert die
Erfüllung der Gerechtigkeitsforderung, die innerhalb der
menschlichen Kultur so oft unerfüllt gehliehen ist, die
47
Verlängerung der irdischen Existenz durch, ein zukünftiges
Leben stellt den örtlidien und zeitlichen Rahmen hei,
in dem sich diese "W unsdierfüllungen vollziehen sollen.
Antworten auf Rätselfragen der menschlichen vvißbe-
gierde, wie nach der Entstehung der Vv elt und der Be-
ziehung zwischen Körperlichem und (Seelischem werden
unter den Voraussetzungen dieses (Systems entwickelt;
es bedeutet eine großartige Erleichterung für die Einzel-
psyche, wenn die nie ganz überwundenen Konflikte der
Kinderzeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen und
einer von allen angenommenen Lösung zugeführt werden.
V^enn ich sage, das alles sind Illusionen, muß ich
die Bedeutung des Abortes abgrenzen. Eine Illusion ist
nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nidit not-
wendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, dalj
sich Ungeziefer aus Unrat entwiatle, an der das un-
wissende Volk nodi heute festhält, war ein Irrtum, eben-
so die einer früheren ärztlichen Generation, daß die
Tabes aorsalis die Folge von sexueller Aussdiweifung sei.
Es wäre mißbräuchlich, diese Irrtümer Illusionen zu heißen.
Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, daß er
einen neuen (Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der
Anteil seines AV\insches an diesem Irrtum ist sehr deut-
lidi. Als Illusion kann man die Behauptung gewisser
Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die
einzige kulturfähige Menschenrasse, oder den Glauben,
den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei
48
em W^sen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt
charakteristisch die Ableitung aus menschliaien AV"ünschen,
sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen
vVahnidee, aher sie scheidet sich, abgesehen von dem
komplizierteren Aufbau der "Wahnidee, auch von dieser.
An der Wahnidee heben wir als wesentlich den AV^ider-
sprudi gegen die Wirklichkeit hervor, die Illusion mulj
nicht notwendig falsch, d. h. unrealisierbar oder im W^ider-
sprudi mit der Realität sein. Ein Bürgermädchen kann
sich z. B. die Illusion machen, dalj ein Prinz kommen
wird, um sie heimzuholen. Es ist möglich, einige Fälle dieser
Art haben sich ereignet. Da.J3 der Messias kommen und ein
goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger
wahrscheinlich; je nadi der persönlichen Einstellung des
Urteilenden wird er diesen Glauben als Illusion oder
als Analogie einer vVanniaee klassifizieren. Beispiele
von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind sonst
nidit leidit aufzufinden. Aber die Illusion der Alchi-
misten, alle Metalle in Gold verwandeln zu können,
könnte eine solche sein. Der Wunsch, sehr viel Gold,
soviel Gold als möglidi zu haben, ist durdi unsere
heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums sehr
gedämpft, doch hält die Chemie eine Umwandlung der
Metalle m Gold nicht mehr für unmöglidi. \fir heiljen
also einen Glauben eine Illusion, wenn sidi in seiner
Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt, und sehen
dabei von seinem V erhältnis zur W^irklidikeit ab, ebenso
Freud: Illusion. 4 AQ
en
er
wie die Illusion selbst auf ilire Beglaubigungen ver-
zichtet.
Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder au
den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend
sagen: iSie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand
darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, an sie
zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich,
so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über
die Realität der Welt erfahren haben, dalj man sie —
mit entsprechender Berücksiditigung der psychologisch
Unterschiede — den Wabnideen vergleichen kann. Üb
den Realitätswert der meisten von ihnen bann man nicht
urteilen. So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch un-
widerlegbar. Man wei'l noch zu wenig, um ihnen kri-
tisch näher zu rücken. Die Rätsel der Welt entschleiern
sich unserer Forschung nur langsam, die Wissenschaft
kann auf viele Fragen beute noch keine Antwort geben.
Die wissenschaftliche Arbeit ist aber für uns der einzige
Weg, der zur Kenntnis der Realität auijer uns führen
kann. Es ist wiederum nur Illusion, wenn man von der
Intuition und der oelbstversenkung etwas erwartet; sie
kann uns nichts geben als — schwer deutbare — Auf-
schlüsse über unser eigenes «Seelenleben, niemals Aus-
kunft über die Fragen, deren Beantwortung der reli-
giösen Lehre so leicht wird. Die eigene Willkür in die
Lücke eintreten zu lassen und nach persönlichem Er-
messen dies oder jenes »Stück des religiösen «Systems für
5o
mehr oder weniger annehmbar zu erklären, wäre frevel-
haft. Dafür sind diese Fragen zu bedeutungsvoll, man
möchte sagen: zu heilig.
An dieser Dtelle kann man auf den Einwand gefaljt
sein: Also, wenn selbst die verbissenen okeptiker zu-
geben, dalj die Behauptungen der Religion nicht mit
dem Verstand zu widerlegen sind, warum soll ich ihnen
dann nicht glauben, da sie soviel für sich haben, die
Tradition, die Übereinstimmung der Menschen und all
das Tröstliche ihres Inhalts? Ja, warum nicht? oo wie
niemand zum Glauben gezwungen -werden kann, so audi
niemand zum Unglauben. Aber man gefalle sich nidit
in der iSelbsttäusdiung, day man mit solchen Begrün-
dungen die Wege des korrekten Denkens geht. Wenn
die Verurteilung »faule Ausrede« je am Platze war, so
hier. Die Unwissenheit ist die Unwissenheit ; kein Redit
etwas zu glauben, leitet sich aus ihr ab. Kein vernünftiger
Mensdi wird sidi in anderen Dingen so leichtsinnig be-
nehmen und sidi mit so armseligen Begründungen seiner
Urteile, seiner Parteinahme, zufrieden geben, nur in den
höchsten und heiligsten Dingen gestattet er sich das. In
Wirklichkeit sind es nur Bemühungen um sich oder
anderen vorzuspiegeln, man halte nodi an der Religion
fest, während man sich längst von ihr abgelöst hat.
Wenn es sidi um Fragen der Religion handelt, machen
sidi die .Mensaien aller möglidien Unaufriaitigkeiten
und intellektuellen Unarten schuldig. Philosophen über-
+*
dehnen die Bedeutung von Worten, bis diese kaum etwas
von ihrem ursprünglichen iSinn übrig behalten, sie heilen
irgendeine verschwommene Abstraktion, die sie sich ge-
schaffen haben »Gott«, und sind nun auch Deisten,
Gottesgläubige, vor aller W^elt, können sich selbst rühmen,
einen höheren, reineren Gottesbegriff erkannt zu haben,
obwohl ihr Gott nur mehr ein wesenloser (Sdiatten ist
und nicht mehr die machtvolle Persönlichkeit der reli-
giösen Lehre. Kritiker bekarren darauf, einen Menschen,
der sich zum Gefühl der mensdilidien Kleinkeit und
Ohnmacht vor dem Ganzen der "Welt bekannt, für »tief
religiös« zu erklären, obwolil nickt dieses Gefükl das
Wesen der Religiosität ausmadit, sondern erst der näckste
Schritt, die Reaktion darauf, die gegen dies Gefükl eine
Abhilfe sudit. Wer nidit weiter gekt, wer sidi demütig
mit der geringfügigen Rolle des Menschen in der grollen
Welt bescheidet, der ist vielmekr irreligiös im walirsten
oinne des \V^ortes.
üs liegt nickt im Plane dieser Untersudiung, zum
W akrkeitswert der religiösen Lekren (Stellung zu nekmen.
Es genügt uns, sie in ikrer psych ologisdien Natur als
Illusionen erkannt zu haben. Aber wir brauchen nickt
zu verhehlen, daß diese Aufdedcung audi unsere Ein-
stellung zu der Frage, die vielen als die wichtigste er-
scheinen muß, mächtig beeinflußt. Wir wissen ungefäkr,
zu welchen Zeiten die religiösen Lekren geschaffen word
sind und von was für Menschen. Erfakren wir nodi,
en
aus
5z
welchen Motiven es gesdiah, so erfährt unser Standpunkt
zum religiösen Problem eine merkliche V erschiebung.
VV lr sagen uns, es wäre ja sehr schön, wenn es einen
Gott gäbe als AV^ltenschöpfer und gütige Vorsehung,
eine sittliche Weltordnung und ein jenseitiges Lehen,
aber es ist doch sehr auffällig, dafj dies alles so ist, wie
wir es uns wünschen müssen. Und es wäre noch sonder-
barer, dah unseren armen, unwissenden, unfreien Vor-
vätern die Lösung all dieser schwierigen AV^elträtsel ge-
glüatt sein sollte.
53
VII
Wenn wir die religiösen Lekren als Illusionen er-
kannt taten, erkekt sick sofort die weitere Frage, ok
nicht audi anderer Kulturbesitz, den wir kockkalten
und von dem wir unser Leben beherrschen lassen, ärm-
licher Natur ist. Ob nickt die Voraussetzungen, die
unsere staatlichen Einrichtungen regeln, gleichfalls Illusi-
onen genannt werden müssen, ot nickt die Beziekungen
der Gesckleckter in unserer Kultur durck eine oder eine
Reike von erotiscken Illusionen getrükt werden? Ist
unser Mißtrauen einmal rege geworden, so werden wir
auck vor der Frage nickt zurücksckrecken, ok unsere
üterzeugttng, durct die Anwendung des Beotacktens und
Denkens in wissensdiaftlicter Arkeit etwas von der
äukeren Realität erfakren zu können, eine kessere Be-
gründung kat. Nidits darf uns akkalten, die Wendung
der Beokacktung auf unser eigenes V^esen und die Ver-
wendung des Denkens zu seiner eigenen Kritik gutzu-
teiien. Eine Reite von Untersuctungen eröffnet sick
kier, deren Ausfall entsckeidend für den Aufkau einer
5 4
»V/eltanschauung« werden müijte. VVlt almen auch, dal}
eine solche Bemühung nicht verschwendet sein und dafj
sie unserem Argwohn wenigstens teilweise Rechtfertigung
bringen wird. Aber das Vermögen des Autors verweigert
sich einer so umfassenden Aufgabe, notgedrungen engt
er seine Arbeit auf die Verfolgung einer einzigen von
diesen Illusionen, eben der religiösen, ein.
Die laute (Stimme unseres Gegners gebietet uns nun
halt. \V^ir werden zur Rechenschaft gezogen ob unseres
verbotenen Tuns. Er sagt uns:
»Archäologische Interessen sind ja recht lobenswert,
aber man stellt keine Ausgrabungen an, wenn man
durch sie die V^ohnstätten der Lebenden untergräbt,
so dafj sie einstürzen und die Menschen unter ihren
Trümmern verschütten. Die religiösen Lehren sind kein
Gegenstand, über den man klügeln kann wie über einen
beliebigen anderen. Unsere Kultur ist auf ihnen auf-
gebaut, die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft hat
zur Voraussetzung, dalj die Menschen in ihrer überzahl
an die \S^ahrheit dieser Lehren glauben. Wenn man
sie lelirt, da.§ es keinen allmächtigen und allgerechten
Gott gibt, keine göttliche Weltordnung und kein künf-
tiges Leben, so werden sie sich aller Verpflichtung zur
Befolgung der Kulturvorschriften ledig fühlen. Jeder
wird ungehemmt, angstfrei, seinen asozialen, egoistischen
Trieben folgen, seine Macht zu betätigen suchen, das
Chaos wird wieder beginnen, das wir in vieltausend-
55
jäliriger Kulturarbeit gekannt haken. (Seihst wenn man
es wüljte und beweisen könnte, cla^ die Religion nickt
im Besitz der YVahrheit ist, müljte man es verschweigen
und sich so benehmen, wie es die Philosophie des ,Als oh'
verlangt. Im Interesse der Erhaltung Aller! Und von
der Gefährlichkeit des Unternehmens ahgesehen, es ist
auch eine zwecklose Grausamheit. Unzählige Menschen
linden in den Lehren der Religion ihren einzigen Trost,
können nur durch ihre Hilfe das Lehen ertragen. Mau
will ihnen diese ihre (Stütze rauhen und hat ihnen nidits
Besseres dafür zu gehen. Es ist zugestanden worden, dafj
die "Wissenschaft derzeit nidit viel leistet, aher auch wenn
sie viel weiter fortgeschritten wäre, würde sie den Men-
schen nicht genügen. Der Mensch hat noch andere im-
perative Bedürfnisse, die nie durch die kühle Wissen-
schaft hefriedigt werden können, und es ist sehr sonder-
har, geradezu ein Gipfel der Inkonsequenz, wenn ein
Psycholog, der immer hetont hat, wie sehr im Lehen
der Menschen die Intelligenz gegen das Triehlehen zu-
rücktritt, sich nun hemüht, den Menschen eine kostbare
Wunsdihefriedigung zu rauhen und sie dafür mit in-
tellektueller Kost entschädigen will.«
Das sind viel Anklagen auf einmal! Aher ich hin
vorhereitet, ihnen allen zu widersprechen und üherdies
werde idi die Behauptung vertreten, dalj es eine gröijere
Gefahr für die Kultur hedeutet, wenn man ihr gegen-
wärtiges Verhältnis zur Religion aufrecht hält, als wenn
56
man es löst. .Nur weiJj ldi kaum, womit ich. in meiner
Erwiderung Deginnen soll.
Vielleicht mit der V ersidierung, da.g ich selbst mein
Unternelimen für völlig harmlos und ungefährlich, halte.
Die Überschätzung des Intellekts ist diesmal nicht auf
meiner oeite. Wenn die .Alenscken so sind, wie die
Gegner sie besdireiben, — und idi mag dem nicht wider-
sprechen, — so bestellt keine Gefahr, dafj ein Fromm-
gläubiger sich, durch meine Ausführungen überwältigt,
seinen Glauben entreihen läJjt. Außerdem habe ich mdits
gesagt, was nicht andere, bessere JMänner viel vollstän-
diger, kraftvoller und eindrucksvoller vor mir gesagt
haben. Die Namen dieser Männer sind bekannt; ich
werde sie nicht anführen, es soll nicht der Ansdiein ge-
weckt werden, dafj idi mich in ihre Reihe stellen will.
Ich habe bloi3 — dies ist das einzig Neue an meiner
Darstellung — der Kritik meiner groljen Vorgänger
etwas psychologisdie Begründung hinzugefügt. Dal} ge-
rade dieser Zusatz die vWirkung erzwingen wird,
die den früheren versagt geblieben ist, ist kaum zu er-
warten. Freilich könnte man mich jetzt fragen, wozu
schreibt man soloie Dinge, wenn man ihrer ^Wirkungs-
losigkeit sicher ist. Aber darauf kommen wir später
zurück.
Der einzige, dem diese Veröffentlichung Ochaden
bringen kann, bin ich selbst. Ich werde die unliebens-
würdigsten Vorwürfe zu hören bekommen wegen Oeichtig-
keit, Borniertheit, Alangel an Idealismus und an Ver-
ständnis für die höchsten Interessen der Menschheit. Aber
einerseits sind mir diese Vorhaltungen nicht neu, und
anderseits, wenn jemand sdion in jungen Jahren sich
üher das Mißfallen seiner .Zeitgenossen hinausgesetzt hat,
was soll es ihm im Greisenalter anhaben, wenn er sicher
ist, bald jeder Gunst und Mißgunst entrückt zu werden?
In früheren Zeiten war es anders, da erwarb man durch
solche Äußerungen eine sichere Verkürzung seiner irdi-
schen Existenz und eine gute Beschleunigung der Gelegen-
heit, eigene Erfahrungen über das jenseitige Leben zu
machen. Aber ich wiederhole, jene Zeiten sind vorüber
und heute ist solche iSchreiberei auch für den Autor
ungefährlich. Höchstens daß sein Buch in dem einen
oder dem anderen Land nicht übersetzt und nicht ver-
breitet werden darf. Natürlich gerade in einem Land,
das sich des Hochstands seiner Kultur sicher fühlt. Aber
wenn man überhaupt für "Wunschverzicht und Ergebung
in das (Schicksal plädiert, muß man auch diesen (Schaden
ertragen können.
Es taudite dann bei mir die Frage auf, ob die Ver-
öffentlidiung dieser (Schrift nicht doch jemand Unheil
bringen könnte. Zwar keiner Person, aber einer (Sache,
der Dache der Psychoanalyse. Es ist ja nicht zu leugnen,
dalj sie meine (Schöpfung ist, man hat ihr reichlich Miß-
trauen und übelwollen bezeigt; wenn ich jetzt mit so
unliebsamen Äußerungen hervortrete, wird man für die
58
Verschiebung von meiner Person auf die Psychoanalyse
nur allzu bereit sein. Jetzt siebt man, wird es neigen,
w obin die Psychoanalyse führt. Die Mäste ist gefallen;
zur Lieugnung von Gott und sittlichem Ideal, wie wir
es ja immer vermutet haben. Um uns von der Ent-
deckung abzuhalten, hat man uns vorgespiegelt, die Psycho-
analyse habe keine Weltanschauung und könne keine
bilden.
Dieser Lärm wird mir wirklich unangenehm sein,
meiner vielen .Mitarbeiter wegen, von denen mandie
meine Einstellung zu den religiösen Problemen über-
haupt nicht teilen. Aber die Psychoanalyse bat schon
viele otürme überstanden, man muJj sie auch diesem
neuen aussetzen. In Wirklichkeit ist die Psychoanalyse eine
Forschungsmethode, ein parteiloses Instrument, wie etwa
die Infinitesimalrechnung. AV^enn ein Physiker mit deren
Hilfe berausbekommen sollte, da.§ die Erde nach einer
bestimmten Zeit zugrunde gehen wird, so wird man
sich doch bedenken, dem Kalkül selbst destruktive
Tendenzen zuzusdireiben und ihn darum zu ächten.
Alles, was ich bier gegen den W^hrheitswert der Reli-
gionen gesagt habe, brauchte die Psychoanalyse nicht,
ist lange vor ihrem Bestand von anderen gesagt worden.
Kann man aus der Anwendung der psychoanalytisdien
Methode ein neues Argument gegen den AV^abrbeits-
gelialt der Religion gewinnen, tant pis für die Religion,
aber Verteidiger der Religion werden sich mit demselben
5 9
zu
eine er-
Redit der Psychoanalyse bedienen, um die affective Be-
deutung der religiösen Lehre voll zu würdigen.
Nun, um in der Verteidigung fortzufahren: die
Religion liat der mensdilichen Kultur offenbar grofje
Dienste geleistet, zur Bändigung der asozialen Triebe
viel Beigetragen, aber nicnt genug. iSie liat durch viele
Jahrtausende die mensdilidie Gesellsdiaft beherrscht;
hatte Zeit zu zeigen, was sie leisten kann. Wenn es
llir gelungen wäre, die Melirzalil der Mensdien zu De-
glücken, zu trösten, mit dem Leben auszusöhnen, sie zu
Kulturträgern zu machen, so würde es niemand einfallen,
nadi einer Änderung der Bestellenden Verhältnisse
streben. Was seilen wir anstatt dessen? Dal}
schreckend große Anzahl von Menschen mit der Kultur
unzufrieden und in ihr unglücklidi ist, sie als ein Joch
empfindet, das man abschütteln muß, daß diese Menschen
entweder alle Kräfte an eine Abänderung dieser Kultur
setzen, oder in ihrer Kulturfeindsdiaft so weit gehen,
dal} sie von Kultur und Triebeinsdiränkung überhaupt
nichts wissen wollen. Man wird uns hier einwerfen,
dieser Zustand komme eben daher, dal} die Religion
einen Teil ihres Einflusses auf die Menschenmassen ein-
gebüßt hat, gerade infolge der bedauerlichen Wirkung
der Fortschritte in der Wissenschaft. Wir werden uns
dieses Zugeständnis und seine Begründung merken und
es später für unsere Absichten verwerten, aber der Ein-
wand selbst ist kraftlos.
60
Es ist zweifelhaft, ob die Mensdien zur Zeit der
uneingeschränkten Herrschaft der religiösen Lehren im
ganzen glücklicher -waren als heute, sittlicher waren sie
gewiß nicht. Sie hahen es immer verstanden, die reli-
giösen Vorschriften zu veräufjerlichen und damit deren
Ahsichten zu vereiteln. Die Priester, die den Gehorsam
gegen die Religion zu bewachen hatten, kamen ihnen
dabei entgegen. Gottes Güte mußte seiner Gerechtigkeit
in den Arm fallen. Man sündigte und dann krachte
man Opfer oder tat Buße und dann war man frei, um
von neuem zu sündigen. Russisdie Innerlichkeit hat
sidi zur Folgerung aufgeschwungen, dal; die Sünde un-
erläßlich sei, um alle Seligkeiten der göttlichen Gnade
zu genießen, also im Grunde ein gottgefälliges Werk.
Es ist offenkundig, daß die Priester die Unterwürfigkeit
der Massen gegen die Religion nur erkalten konnten,
indem sie der menschlichen Triebnatur so große Zu-
geständnisse einräumten. Es hlieh dahei: Gott allein ist
stark und gut, der Mensdi aber schwadi und sündhaft.
Die Unsittlichkeit hat zu allen Zelten an der Religion
keine mindere Stütze gefunden als die Sittlichkeit. "Wenn
die Leistungen der Religion in hezug auf die Beglückung
der Menschen, ihre Kultureignung und ihre sittlidie Be-
schränkung keine besseren sind, dann erheht sich dodi
die Frage, oh wir ihre Notwendigkeit für die Mensdi-
heit nicht überschätzen und oh wir weise daran tun,
unsere Kulturforderungen auf sie zu gründen.
6t
Man überlege die unverkennbare gegenwärtige Situation.
Wir haben aas Zugeständnis gehört, daß die Religion nidit
mebr denselben Einfluß auf die Menschen bat wie früber.
(Es bandelt sidi bier um die europäisch-christliche Kultur.)
Dies nicbt darum, weil ibre Versprechungen geringer ge-
worden sind, sondern weil sie den Menseben weniger glaub-
würdig erscheinen. Geben wir zu, daß der Grund dieser
Wandlung die Erstarkung des wissenschaftlichen Geistes
in den Oberschichten der mensdilicben Gesellschaft ist.
(Es ist vielleicht nidit der einzige.) Die Kritik bat die
Beweiskraft der religiösen Dokumente angenagt, die Natur-
wissensdiaft die in ibnen enthaltenen Irrtümer aufgezeigt,
der vergleichenden Forschung ist die fatale Ähnlichkeit
der von uns verebrten religiösen V orstellungen mit den
geistigen Produktionen primitiver Völker und Zeiten auf-
gefallen.
Der wissenscbaftlidie Geist erzeugt eine bestimmte
Art, wie man sidi zu den Dingen dieser V^elt einstellt ;
vor den Dingen der Religion macht er eine W^ile balt,
zaudert, endlich tritt er audi bier über die Schwelle.
In diesem Prozeß gibt es keine Aufhaltung, je mehr
Mensdien die Sdiätze unseres "Wissens zugänglich werden,
desto mehr verbreitet sidi der Abfall vom religiösen
Glauben, zuerst nur von den veralteten, anstößigen
Einkleidungen desselben, dann aber auch von seinen
fundamentalen Voraussetzungen. Die Amerikaner, die
den Affenprozeß in Dayton aufgeführt, haben sich
allein konsequent gezeigt. Der unvermeidliche Übergang
vollzieht sich sonst über Halbheiten und Unaufrichtig-
keiten.
V on den Gebildeten und geistigen Arbeitern ist für die
Kultur wenig zu befürchten. Die Ersetzung der religiösen
Motive für kulturelles Benelimen durch andere weltliche
würde bei ihnen geräusdilos vor sieb geben, überdies sind sie
zum guten Teil selbst Kulturträger. Anders stellt es um die
grobe Masse der Ungebildeten, Unterdrüditen, die allen
Grund haben, Feinde der Kultur zu sein. Solange sie nidit
erfahren, daij man nicht mehr an Gott glaubt, ist es gut.
Aber sie erfahren es, unfehlbar, auch wenn diese meine
iSdirift nicht veröffentlidit wird. Und sie sind bereit, die
Resultate des wissenschaftlichen Denkens anzunehmen,
ohne dah, sich in ihnen die Veränderung eingestellt hätte,
weldie das wissensdiaftliche Denken beim Mensdien herbei-
führt. Besteht da nicht die Gefahr, dah^ die Kulturfeind-
schaft dieser Massen sich auf den sdiwachen Punkt stürzen
wird, den sie an ihrer Zwangsherrin erkannt haben ? Wenn
man seinen Nebenmensdien nur darum nicht erschlagen
darf, weil der liebe Gott es verboten hat und es in diesem
oder jenem Leben schwer ahnden wird, man erfährt aber,
es gibt keinen lieben Gott, man braucht sich vor seiner
Strafe nidit zu fürchten, dann erschlägt man ihn gewÜ3
unbedenklich und kann nur durch irdische Gewalt da-
von abgebalten werden. Also entweder strengste ISTieder-
haltung dieser gefährlichen Massen, sorgsamste Ab-
65
Sperrung von allen Gelegenheiten zur geistigen E-rweckung
oder gründliche Revision der Beziehung zwischen Kultur
und Religion.
Q
VIII
Man sollte meinen, dafj der Ausführung dieses letz-
teren Vorschlags keine Desonderen Schwierigkeiten im
Wege stehen. Es ist richtig, dah man dann auf etwas
verzichtet, ater man gewinnt vielleicht mehr und ver-
meidet eine groije Gefahr. Aher man schreckt sich davor,
als oh man dadurch die Kultur einer noch größeren Ge-
fahr aussetzen würde. Als Sankt Bomfazius den von den
/Sachsen als heilig verehrten Baum umhieb, erwarteten
die Umstehenden ein fürchterliches Ereignis als Folge des
Frevels. Es traf nicht ein und die Sachsen nahmen die
Taufe an.
AV^enn die Kultur das Gebot aufgestellt hat, den
Nachbar nicht zu töten, den man haljt, der einem im
V^ege ist oder dessen Habe man begehrt, so geschah es
offenbar im Interesse des menschlichen Zusammenlebens,
das sonst undurchführbar wäre. Denn der Mörder würde
die Rache der Angehörigen des Ermordeten auf siai
ziehen und den dumpfen Neid der anderen, die eben-
soviel innere Neigung zu solcher Gewalttat verspüren.
Cr
Freud: Illusion. 5 DO
Er würde sidi also seiner Racke oder seines Rautes nickt
lange freuen, sondern Iiätte alle Aussicht, tald seiest
ersctlagen zu werden. Seltst wenn er sict durck auljer-
ordentlidie Kraft und Vorsidit gegen den einzelnen
Gegner sdiützen würde, mü|te er einer Vereinigung von
«Sdiwäckeren unterliegen. Käme eine soldie Vereinigung
nickt zustande, so würde sidi das Morden endlos fortsetzen
und das Ende wäre, da| die Menscken sidi gegenseitig aus-
rotteten. Es wäre derselbe Zustand unter Einzelnen, der in
Korsita noen unter Familien, sonst ater nur unter Nationen
forttestett. Die für Alle gleidie Gefalir der Letens-
unsickerkeit einigt nun die Mensdien zu einer Gesell-
schaft, welcke dem Einzelnen das Töten verbietet und
sidi das Redat der gemeinsamen Tötung dessen vortetält,
der das Vertot ütertritt. Dies ist dann Justiz und Strafe.
Diese rationelle Begründung des Vertots zu morden
teilen wir ater nidit mit, sondern wir tetaupten, Gott
kate das Vertot erlassen. "Wir getrauen uns also seine
Atsictten zu erraten und finden, audx er will nidit,
da| die Mensdien einander ausrotten. Indem wir so ver-
fatren, umkleiden wir das Kulturvertot mit einer ganz
tesonderen Feierlichkeit, riskieren ater datei, dai" wir
dessen Befolgung von dem Glauten an Gott atkängig
macken. Wenn wir diesen iSckritt zurüdsnekmen, unseren
Willen nickt mekr Gott zusekieten und uns mit der
sozialen Begründung tegnügen, taten wir zwar auf jene
Verklärung des Kulturvertots verzidxtet, ater auck seine
66
GefäWung vermieden. Wir gewinnen aber audi etwas
anderes. Durdi eine Art von Diffusion oder Infektion
tat sidi der Cbarakter der Heiligkeit, Unverletzlichkeit,
der Jenseitigkeit möchte man sagen, von einigen wenigen
groJjen Verboten auf alle weiteren kulturellen Einrich-
tungen, Gesetze und Verordnungen ausgebreitet. Diesen
stekt aber der Heiligenschein oft schleckt zu Gesidit; nidit
nur, dafj sie einander selbst entwerten, indem sie je
nach Zeit und Ortlicbkeit entgegengesetzte Entscheidungen
treffen, sie tragen auch sonst alle Anzeidien menschlidier
Unzulänglicbkeit zur iSdiau. Man erkennt unter innen
leicht, was nur Produkt einer kurzsichtigen Ängstlichkeit,
Äußerung engberziger Interessen oder Folgerung aus unzu-
reichenden Voraussetzungen sein kann. Die Kritik, die
man an ibnen üben mulj, setzt in unerwünschtem Ma^e
auch den Respekt vor anderen, besser gerechtfertigten
Kulturforderungen lierab. Da es eine mijjlicne Aufgabe
ist, zu sdieiden, was Gott selbst gefordert bat und was
sieb, eber von der Autorität eines allvermögenden Par-
laments oder eines boben Magistrats ableitet, wäre es
ein unzweifelnafter Vorteil, Gott überbaupt aus dem
»Spiele zu lassen und ebrlidi den rein mensdxlidien Ursprung
aller kulturellen Einriditungen und Vorsdiriften einzu-
gesteben. Mit der beanspruchten Heiligkeit würde audi
die Starrbeit und Unwandelbarkeit dieser Gebote und
Gesetze fallen. Die Menseben könnten verstellen, daij
diese gesdiaffen sind, niebt so sebr um sie zu beberrsdien,
sondern vielmehr um Ihren Interessen zu dienen, sie
würden ein freundlicheres V erhältnis zu ihnen gewinnen,
sich anstatt ihrer Abschaffung nur ihre Verbesserung zum
Ziel setzen. Dies -wäre ein wichtiger Fortschritt auf dem
"Wege, der zur Versöhnung mit dem Druck der Kultur
führt.
Unser Plaidoyer für eine rein rationelle Begründung
der Kulturvorsdiriften, also für ihre 2/Urückführung auf
soziale rs otwendigkeit, wird aber hier plötzlich durdi
ein Bedenken unterbrochen. V^ir haben die Entstehung
des Mordverbots zum Beispiel gewählt. Entspridit denn
unsere Darstellung davon der historisdien Wahrheit?
Vvir fürditen nein, sie sdieint nur eine rationalistische
Konstruktion zu sein. "Wir haben gerade dieses iStück
menschlicher Kulturgesdiidite mit Hilfe der Psycho-
analyse studiert, und auf diese Bemühung gestützt, müssen
■wir sagen, in vv lrklidikeit war es anders. Rem vernünf-
tige Motive richten noch beim heutigen Mensdien wenig
gegen leidenschaftlidie Antriebe aus; um wieviel ohn-
mächtiger müssen sie bei jenem Mensdientier der Urzeit
gewesen sein! Vielleicht würden sidi dessen Nadikommen
nodi heute hemmungslos, einer den andern, ersduagen,
wenn unter jenen Mordtaten mdat eine gewesen wäre,
der Totschlag des primitiven Vaters, die eine unwider-
stehliche, folgenschwere Gefühlsreaktion heraufbesdiworen
hätte. Von dieser stammt das Gebot: du sollst nidit
töten, das im Totemismus auf den Vaterersatz besdiränltt
68
war, später auf andere ausgedehnt wurde, noch heute
nicht ausnahmslos durchgeführt ist.
Aher jener Urvater ist nach Ausführungen, die ich
hier nicht zu wiederholen hraudie, das Urhild Gottes
gewesen, das Modell, nach dem spätere Generationen die
Gottesgestalt gehildet hahen. Somit hat die religiöse
Darstellung redit, Gott war wirklidi an der Entstehung
jenes Verbots beteiligt, sein Einfluß, nidit die Einsicht
in die soziale Notwendigheit hat es geschaffen. Und die
Verschiebung des menschlichen \V^illens auf Gott ist
vollberechtigt, die jMenscben wußten ja, dafj sie den
Vater gewalttätig beseitigt hatten und in der Reaktion
auf ihre Freveltat setzten sie sidi vor, seinen Yvillen
fortan zu respektieren. Die religiöse Lehre teilt uns
also die historisdie "Wahrheit mit, freilich in einer
gewissen Umformung und Verkleidung; unsere rationelle
Darstellung verleugnet sie.
W^ir Bemerken jetzt, dalj der (Schatz der religiösen
Vorstellungen nicht allein V^unsdierfüllungen enthält,
sondern audi bedeutsame historisdie Reminiszenzen. Dies
Zusammenwirken von Vergangenheit und Zukunft, welch
unvergleichliche Alachtfülle mu| es der Religion verleihen!
Aher vielleicht dämmert uns mit Hilfe einer Analogie
auch schon eine andere Einsicht. Es ist nicht gut, Be^-
griffe weit weg von dem Boden zu versetzen, auf dem
sie erwachsen sind, aher wir müssen der Übereinstim-
mung Ausdruck geben. Über das Menschenkind wissen
G 9
wir, daJj es seine Entwicklung zur Kultur nicht gut
durchmadien kann, ohne durch eine bald mehr, bald
minder deutliche Pliase von Neurose zu passieren. Das
kommt datier, dafj das Kind so viele der für später un-
brauchbaren Triebansprüche nidit durdi rationelle Geistes-
arbeit unterdrücken kann, sondern durch Verdrängungs-
akte bändigen niuijj hinter denen in der Regel ein
Angstmotiv stellt. Die meisten dieser Kinderneurosen
werden während des "Wachstums spontan überwunden,
besonders die Zwangsneurosen der Kindheit haben dies
Sdncksal. Mit dem Rest soll auch noch später die psydio-
analytisdie Behandlung aufräumen. In ganz ähnlicher
Weise hätte man anzunehmen, dal} die Mensdiheit als
Ganzes in ihrer säkularen Entwicklung in Zustände
gerät, welche den Neurosen analog sind, und zwar aus
denselben Gründen, weil sie in den Zeiten ihrer Un-
wissenheit und intellektuellen Schwäche die für das
menschliche Zusammenlehen unerläßlichen Triebverzichte
nur durch rein affektive Kräfte zustande gebracht hat.
Die Niederschläge der in der Vorzeit vorgefallenen
verdrängungsähnlichen Vorgänge hafteten der Kultur
dann noch lange an. Die Religion wäre die allgemein
menschlidie Zwangsneurose, wie die des Kindes stammte
sie aus dem Ödipuskomplex, der Vaterbeziehung. Nach
dieser Auffassung wäre vorauszusehen, daJj sich die Ab-
wendung von der Religion mit der schitksalsmäfjigen
Unerhittlichkeit eines Wachstumsvorganges vollziehen
7°
mulj, und daJj wir uns gerade jetzt mitten in dieser
Entwicklungsphase befinden.
Unser Verhalten sollte sich dann nadi dem Vorbild
eines verständigen Erziehers richten, der sida einer bevor-
stebenden Neugestaltung nickt 'widersetzt, sondern sie zu
fördern und die Gewaltsamkeit ilires Durdibrucbs ein-
zudämmen sucht. Das Wiesen der Religion ist mit dieser
Analogie allerdings nicht erschöpft. Bringt sie einer-
seits z/wangseinschränkungen, wie nur eine individuelle
.Zwangsneurose, so enthält sie anderseits ein System von
Yvunschillusionen mit Verleugnung der Wirklichkeit,
wie wir es isoliert nur bei einer Amentia, einer glück-
seligen halluzinatorisaien V erworrenheit, finden. Es sind
eben nur Vergleichungen, mit denen wir uns um
das Verständnis des sozialen Phänomens bemühen, die
Individualpathologie gibt uns kein vollwertiges Gegen-
stück dazu.
Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden (von
mir und besonders von Th. Reih), bis in welche Einzel-
heiten sich die Analogie der Religion mit einer Zwangs-
neurose verfolgen, wieviel von den Sonderheiten und
den (Schicksalen der Religionsbildung sich auf diesem
VV ege verstehen läJjt. Es stimmt dazu auch gut, daJj der
Frommgläubige in hohem Grade gegen die Gefahr ge-
wisser neurotisoier Erkrankungen geschützt ist; die An-
nahme der allgemeinen Neurose überhebt ihn der Auf-
gabe, eine persönliche Neurose auszubilden.
7 ]
Die Erkenntnis des historischen W^rts gewisser reli-
giöser Lehren steigert unseren Respekt vor iknen, macht
aber unseren Vorschlag, sie aus der Motivierung der
kulturellen Vorschriften zurückzuziehen, nickt wertlos.
Im Gegenteil! Mit Hilfe dieser kistoriscken Reste kat
sick uns die Auffassung der religiösen Lekrsätze als
gleichsam neurotischer Relikte ergehen und nun dürfen
wir sagen, es ist wakrsckeinlick an der Zeit, wie in der
analytischen Behandlung des Neurotikers die Erfolge
der Verdrängung durch die Ergehnisse der rationellen
Geistesarbeit zu ersetzen. Daij es hei dieser Umarheitung
nicht heim Verzicht auf die feierliche Verklärung der
kulturellen Vorschriften bleiben wird, dalj eine allge-
meine Revision derselben für viele die Aufhehung zur
Folge hahen mu|, ist vorauszusehen, aher kaum zu be-
dauern. Die uns gestellte Aufgahe der Versöhnung der
Menschen mit der Kultur wird auf diesem "Wege weit-
gehend gelöst werden. Um den Verzicht auf die histo-
rische "Wahrheit hei rationeller Motivierung der Kultur-
vorschriften darf es uns nicht leid tun. Die "Wahrheiten,
welche die religiösen Lehren enthalten, sind doch so ent-
stellt und systematisch verkleidet, dalj die Masse der
Menschen sie nicht als "Wahrheit erkennen kann. Es
ist ein äknlicker Fall, wie wenn wir dem Kind erzählen,
dafj der Storch die Neugebornen bringt. Audi damit
sagen wir die Wakrkeit in symbolischer Verküllung,
denn wir wissen, was der gro|e Vogel hedeutet. Aher
7 2
das Kind weiJg es nickt, es hört nur den Anteil der
Entstellung heraus, hält sich für ketrogen, und wir wissen,
wie oft sein Mißtrauen gegen die Erwachsenen und seine
Widersetzlichkeit gerade an diesen Eindruck anknüpft.
\V^ir sind zur Überzeugung gekommen, dalj es kesser ist,
die .Mitteilung solcker symkolisdier V ersdileierungen der
vVakrkeit zu unterlassen und dem Kind die Kenntnis
der realen Verhältnisse in Anpassung an seine intellek-
tuelle otufe nicht zu versagen.
7$
IX
»Die gestatten sieb Widersprücbe, die scbwer mitein-
ander zu vereintaren sind. Zuerst bebaupten iSie, eine
»Scbrift wie die Ibrige sei ganz ungefäbrlicb. Niemand
werde sidi durdi soldie Erörterungen seinen religiösen
Glauben rauben lassen. Da es aber dock Ilire Absiebt
ist, diesen Glauben zu stören, wie sieb später beraus-
stellt, darf man fragen : warum veröffentlicben iSie sie
eigentlicb ? An einer anderen Stelle geben Sie aber doeb
zu, daij es gefäbrlicb, ja sogar sebr gefäbrlicb werden bann,
wenn jemand erfäbrt, dalj man niebt mebr an Gott
glaubt. Er war bis dabin gefügig und nun wirft er den
Geborsam gegen die Kulturvorscbriften beiseite. Ibr
ganzes Argument, dalj die religiöse Motivierung der
Kulturgebote eine Gefabr für die Kultur bedeute, rubt
ja auf der Annabme, dalj der Gläubige zum Ungläubigen
gemaebt werden bann, das ist doeb ein voller Wider-
spruch«
»Ein anderer Widersprucb ist, wenn «Sie einerseits
zugeben, der Menscb sei dureb Intelligenz niebt zu
7i
lenken, er werde durch seine Leidenschaften und Trieh-
ansprüche heherrscht, anderseits aher den Vorschlag
machen, die affektiven Grundlagen seines Kulturgehor-
sams durdi rationelle zu ersetzen. Das verstehe wer
kann. Mir scheint es entweder das eine oder das an-
dere.«
ȟhrigens, nahen iSie nichts aus der Geschichte ge-
lernt? Ein solcher versuch, die Religion durch die Ver-
nunft ahlösen zu lassen, ist ja schon einmal gemacht
worden, offiziell und in großem otil. oie erinnern sich
doch an die französische Revolution und Rohespierre ?
Aher auch an die Kurzlehigkeit und klägliche Erfolg-
losigkeit des Experiments. Es wird jetzt in Rußland
•wiederholt, -wir hrauchen nicht neugierig zu sein, wie es
ausgehen wird. Meinen oie nicht, dah wir annehmen
dürfen, der Mensch kann die Religion nicht enthehren?«
»Sie hahen seihst gesagt, die Religion ist mehr als
eine Zwangsneurose. Aher von dieser ihrer anderen
oeite hahen oie nicht gehandelt. Es genügt Ihnen, die
Analogie mit der Neurose durchzuführen. Von einer
Neurose mulj man die Menschen hefreien. Was dahei
sonst verloren geht, kümmert oie nicht.«
Der Anschein des Widerspruchs ist wahrscheinlich
entstanden, -weil ich komplizierte Dinge zu eilig hehan-
delt hahe. Einiges können wir nachholen. Ich hehaupte
noch immer, dalj meine ochrift in einer Hinsicht ganz
ungefährlich ist. Kein Glauhender wird sich durch diese
75
oder ähnlidie Argumente in seinem Glauben beirren
lassen. Ein Glaubender liat Bestimmte zärtlidie Bindungen
an die Inhalte der Religion. Es gibt gewilj ungezählt
viele Andere, die nidit in demselben Sinne gläubig sind.
Sie sind den Kulturvorschriften gehorsam, weil sie sidi durdi
die Drohungen der Religion einschüchtern lassen, und
sie fürditen die Religion, solange sie dieselbe für ein
Stück der sie einschränkenden Realität lialten müssen.
Diese sind es, die losbrechen, sobald sie den Glauben
an inren Realitätswert aufgeben dürfen, aber auch dar-
auf liaben Argumente keinen Einfluß. Sie liören auf,
die Religion zu fürditen, wenn sie merken, da.§ audi
andere sie nicht fürditen, und von ilinen liahe idi be-
hauptet, dalj sie vom Niedergang des religiösen Ein-
flusses erfahren würden, audi wenn ich meine Sdirift
nicht publizierte.
Ich glaube aber, Sie legen selbst mehr Wert auf den
anderen Widerspruch, den Sie mir vorhalten. Die Men-
schen sind Vernunftgründen so wenig zugänglich, werden
ganz von ibren Triebwünschen beberrscbt. Warum soll
man also ilinen eine Triebbefriedigung wegnebmen und
durch Vernunftgründe ersetzen wollen ? Freilieb sind die
Menseben so, aber baben Sie sidi gefragt, ob sie so
sein müssen, ob ihre innerste Natur sie dazu nötigt?
Kann der Antbropologe den Schädelindex eines Volk
angeben, das die Sitte pflegt, die Köpfchen seiner Kind
von früb an durch Bandagen zu deformieren? Denk
es
er
en
oie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlen-
den Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denh-
sdiwäche des durchsdimttlichen Erwachsenen. VVäre es
so ganz unmöglich, dafj gerade die religiöse Erziehung
ein großes Teil Schuld an dieser relativen Verkümme-
rung trägt? leb meine, es -würde sebr lange dauern, bis
ein niebt beeinflußtes Kind anfinge, sidi Gedanken über
Gott und die Dinge jenseits dieser AVelt zu machen.
V ielleicbt würden diese Gedanken dann dieselben \S^ege
emscblagen, die sie bei seinen XJrabnen gegangen sind,
aber man wartet diese Entwicklung nidit ab, man fübrt
lbm die religiösen Lebren zu einer Zeit zu, da es weder
Interesse für sie noeb die Fähigkeit bat, ibre Tragweite zu
begreifen. V erzögerung der sexuellen Entwidmung und
verfrühung des religiösen Einflusses, das sind dodi
die beiden Hauptpunkte im Programm der beutigen
Pädagogik, nidit wahr? vVenii dann das Denken des
Kindes erwacht, sind die religiösen Lehren bereits un-
angreifbar geworden. jMLeinen oie aber, daß es für die
Erstarkung der Denkfunktion sehr förderlich ist, wenn
ihr ein so bedeutsames Gebiet durch die Androhung
der Höllenstrafen verschlossen wird? Vver sich einmal
dazu gebracht hat, alle die Absurditäten, die die reli-
giösen Lehren ihm zutragen, ohne Kritik hinzunehmen,
und selbst die AVidersprüdie zwischen ihnen zu über-
sehen, dessen Denkschwäche braucht uns nicht arg zu
verwundern. Nun haben -wir aber kein anderes .Mittel
77
zur Bekerrschung unserer Triebkaftigkeit als unsere
Intelligenz. "W^e kann man von Personen, die unter
der Herrschaft von Denkverboten steten, erwarten,
dal} sie das psydiologisdie Ideal, den Primat der In-
telligenz, erreicnen werden? Sie wissen aucn, dal} man
den Frauen im allgemeinen den sogenannten »pkysio-
logisdien Schwachsinn« nacbsagt, d. t. eine geringere In-
telligenz als die des Mannes. Die Tatsache seiest ist
strittig, ilire Auslegung zweifelhaft, aber ein Argument
für die sekundäre Natur dieser intellektuellen Verküm-
merung lautet, die Frauen litten unter der Härte des
frühen Verbots, ilir Denken an das zu wenden, was sie
am meisten interessiert liätte, nämlicn an die Probleme des
Geschlechtslebens. Solange auijer der sexuellen Denk-
hemmung die religiöse und die von ihr abgeleitete loyale
auf die frülien Jakre des Menschen einwirken, können
wir wirklick nickt sagen, wie er eigentlich ist.
Aber ick will meinen Eifer ermäßigen und die Mög-
lichkeit zugesteken, daij auck ich einer Illusion nachjage.
Vielleidit ist die Wirkung des religiösen Denkverbots
nicht so arg wie ick 's annekme, vielleicht stellt es sich
keraus, da| die menschliche Natur dieselbe bleibt, audi
wenn man die Erziekung nickt zur Unterwerfung unter
die Religion mil^braudit. Ick weil} es nickt und Sie
können es auck nickt wissen. Nickt nur die großen Pro-
bleme dieses Lebens sekeinen derzeit unlösbar, sondern
audi viele geringere Fragen sind sckwer zu entsdieide
Jen.
7 8
Aber gestehen Sie mir zu, da| liier eine Berechtigung
für eine Zukunftshoffnung vorhanden ist, da.§ vielleicht
ein Schatz zu heben ist, der die Kultur bereichern kann,
dafj es sieb der Mülie lohnt, den Versucli einer irreli-
giösen Erziehung zu unternelimen. Fällt er unbefriedi-
gend aus, so bin icb bereit, die Reform aufzugeben und
zum früberen, rein deskriptiven Urteil zurückzukehren:
der Menscb ist ein Wesen von schwacher Intelligenz,
das von seinen Triebwünschen beberrsebt wird.
In einem anderen Punkte stimme idi Ibnen obne
Rückhalt bei. Es ist gewiJj ein unsinniges Beginnen, die
Religion gewaltsam und mit einem iScblage aufbeben zu
wollen. Vor allem darum, weil es aussichtslos ist. Der
Gläubige läfjt sieb seinen Glauben niebt entreißen, niebt
dureb Argumente und nidit dureb Verbote. Gelänge es
aber bei einigen, so wäre es eine Grausamkeit. Wer
dureb Dezennien Schlafmittel genommen bat, kann na-
türlidi niebt schlafen, wenn man ibm das Mittel ent-
zieht. Dalj die Wirkung der religiösen Tröstungen der
eines Narkotikums gleichgesetzt werden darf, wird dureb
einen Vorgang in Amerika kübsch erläutert. Dort
will man jetzt den Mensdien — offenbar unter dem
Einfluß der Frauenherrschaft — alle Reiz-, Rausdi- und
GenuJjmittel entziehen und übersättigt sie zur Entschädi-
gung mit Gottesfurcht. Auch auf den Ausgang dieses
Experiments braucht man nicht neugierig zu sein.
Idi widerspreche Ihnen also, wenn iSie weiter folgern,
79
daß der Mensdi überhaupt den Trost der religiösen
Illusion nidit enthekren kann, daß er olme sie die
Schwere des Letens, die grausame Wirklichkeit, nicht
ertragen würde. Ja, der Mensdi nidit, dem Sie das süße
— oder kittersüße — Gift von Kindlieit an eingeflößt
liaten. Ater der andere, der nüditern aufgezogen wurde ?
Vielleicht braudit der, der nidit an der Neurose leidet,
auch keine Intoxikation, um sie zu betauten. Gewiß wird
der Mensdi sich dann in einer schwierigen Situation be-
finden, er wird sich seine ganze Hilflosigkeit, seine
Geringfügigkeit im Getriebe der Welt eingestelien
müssen, nidit mekr der Mittelpunkt der Schöpfung,
nidit mekr das Objekt zärtlicher Fürsorge einer gütigen
Vorsekung. Er wird in derselben Lage sein wie das
Kind, welches das Vaterkaus verlassen kat, in dem es
ikm so warm und bekaglick war. Aber nickt wakr, der
Infantilismus ist dazu bestimmt, überwunden zu werden?
Der Mensdi kann nidit ewig Kind bleiben, er muß
endlich liinaus, ins »feindlidie Leben«. Man darf das
»die Erziekung zur Realität« heißen, brauche idi
Iknen nodi zu verraten, daß es die einzige Atsidit
meiner Sdirift ist, auf die Notwendigkeit dieses Fort-
sdiritts aufmerksam zu machen .'
Sie fürditen wakrsdieinlich, er wird die schwere Probe
nidit hesteken? Nun, lassen Sie uns immerlun koffen.
Es macht schon etwas aus, wenn man weiß, dalj man
auf seine eigene Kraft angewiesen ist. Man lernt dann,
80
sie/ richtig zu gebrauchen. Ganz ohne Hilfsmittel ist der
Mensch nicht, seine Wissenschaft hat ihn seit den Zeiten
des Diluviums viel gelehrt und wird seine Macht noch
weiter vergrößern. Und was die großen Sdiicksalsnotwen-
digkeiten betrifft, gegen die es eine Abhilfe nicht gibt, die
wird er eben mit Ergebung ertragen lernen. Was soll
ihm die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes auf dem
Alond, von dessen Ertrag doai noch nie jemand etwas ge-
sehen hat ? Als ehrlicher Kleinbauer auf dieser Erde
wird er seine odiolle zu bearbeiten wissen, so daß sie
ihn nährt. Dadurai, daß er seine Erwartungen vom
Jenseits abzieht und alle freigewordenen Kräfte auf das
irdische Leben konzentriert, wird er wahrscheinlich er-
reichen können, daß das Leben für alle erträglidi wird
und die Kultur keinen mehr erdrückt. Dann wird er
ohne Bedauern mit einem unserer Unglaubensgenossen
sagen dürfen :
Den Himmel überlassen -wir
Den Engeln und den (Spatzen.
Freud: Illusion. 6 Öl
X
»Das klingt ja großartig. Eine Menschheit, die auf
alle Illusionen verzichtet liat und dadurch fällig geworden
ist, sidi auf der Erde erträglidi einzurichten! Ich aber
kann Ihre Erwartungen nickt teilen. Nickt darum, weil
ick der hartnäckige Reaktionär wäre, für den Sie midi
vielleidit lialten. Nein, aus Besonnenkeit. Ick glaube,
wir haben nun die Rollen getausdit; Sie zeigen sidi als
der Schwärmer, der sick von Illusionen fortreiten labt,
und ick vertrete den Anspruch der Vernunft, das Reckt
der Skepsis. Was Sie da aufgeführt haben, sckeint mir
auf Irrtümern aufgebaut, die ick nach Ikrem Vorgang
Illusionen beigen darf, weil sie deutlich genug den Ein-
ilulj Ihrer Wünsche verraten. Sie setzen Ihre Hoffnung
darauf, dal3 Generationen, die nicht in früher Kindheit
den Einfluß der religiösen Lebren erfahren haben, leicht
den ersehnten Primat der Intelligenz über das Trieb-
leben erreichen werden. Das ist wohl eine Illusion ; in
diesem entscheidenden Punkt wird sick die menschliche
Natur kaum ändern. AV'enn idi nidit irre, — man weilj
82
so -wenig von anderen Kulturen, — gibt es audi kente
Völker, die nickt unter dem Drudi eines religiösen
«Systems aufwadisen, und sie kommen Ikrem Ideal nidit
näner als andere. W"enn (Sie aus unserer europäischen
Kultur die Religion wegsckaffen wollen, so kann es nur
durch ein anderes (System von Lekren gesdielien, und
dies würde von Anfang an alle psychologischen Charak-
tere der Religion übernehmen, dieselbe Heiligkeit, (Starr-
heit, Unduldsamkeit, dasselbe Denkverhot zu seiner Ver-
teidigung. Irgend etwas dieser Art müssen (Sie haben,
um den Anforderungen der Erziehung gerecht zu werden.
Auf die Erziehung können (Sie aher nidit verzichten.
Der "Weg vom (Säugling zum Kulturmenschen ist weit,
zu viele Menschlein würden sich auf ihm verirren und
nicht rechtzeitig zu ihren Lebensaufgaben kommen, wenn
sie ohne Leitung der eigenen Entwicklung überlassen
werden. Die Lekren, die in ihrer Erziehung angewendet
wurden, werden dem Denken ihrer reiferen Jahre immer
(Sdiranken setzen, genau so wie (Sie es keute der Reli-
gion zum Vorwurf machen. Merken (Sie nidit, dalj es
der untilgbare Geburtsfehler unserer, jeder, Kultur ist,
dalj sie dem triebhaften und denksdiwadien Kinde auf-
erlegt, Entsdieidungen zu treffen, die nur die gereifte
Intelligenz des Erwachsenen rechtfertigen kann? (Sie kann
aher nicht anders, infolge der Zusammendrängung der
säkularen Menschheitsentwicklung auf ein paar Kindkeits-
jahre, und das Kind kann nur durdi affektive Mädvte
e* 83
zur Bewältigung der ihm gestellten Aufgate veranlagt
werden. Das sind also die Aussichten für Ihren ,Primat
des Intellekts'. «
»Nun sollen Sie sidi nicht verwundern, wenn idi für
die Beibehaltung des religiösen Lehrsystems als Grund-
lage der Erziehung und des menschlichen Zusammen-
lebens eintrete. Es ist ein prahtisdies Problem, nidit
eine Frage des Realitätswerts. Da wir im Interesse der
Erhaltung unserer Kultur mit der Beeinflussung des
Einzelnen nidit warten tonnen, bis er kulturreif ge-
worden ist, — viele würden es überhaupt niemals werden,
— da wir genötigt sind, dem Heranwachsenden irgend-
ein Dystem von Lehren aufzudrängen, das bei ihm als
der Kritik entzogene Voraussetzung wirken soll, er-
sdieint mir das religiöse (System dazu als das weitaus
geeignetste. Natürlich gerade wegen seiner wunsdierfül-
lenden und tröstenden Kraft, an der »Sie die ,Illusion'
erkannt haben wollen. Angesidits der iSdiwierigkeiten,
etwas von der Realität zu erkennen, ja der Zweifel, ob
dies uns überbaupt möglich ist, wollen wir dodi nicht
übersehen, dalj auch die menschlichen Bedürfnisse ein
otück der Realität sind, und zwar ein wichtiges, eines,
das uns besonders nahe angeht.«
»Einen" anderen Vorzug der religiösen Lehre finde
ich in einer ihrer Eigentümlichkeiten, an der Sie be-
sonderen Anstoß zu nehmen scheinen. Sie gestattet eine
begriffliche Läuterung und iSublimierung, in weldier d
las
8 4
meiste abgestreift werden kann, das die Spur primitiven
und infantilen Denkens an sich trägt. Was dann er-
übrigt, ist ein Gebalt von Ideen, denen die Wissen-
schaft nicbt mebr widerspridit und die diese audi nidit
widerlegen kann. Diese Umbildungen der religiösen
Eehre, die iSie als Halbheiten und Kompromisse ver-
urteilt haben, machen es möglich, den Rifj zwischen der
ungebildeten Masse und dem philosophischen Denker
zu vermeiden, erhalten die Gemeinsamkeit unter ihnen,
die für die /Sicherung der Kultur so wichtig ist. Es ist
dann nicht zu befürchten, der JMann aus dem Volk
werde erfahren, daij die Obersdiichten der Gesellschaft
,nidit mehr an Gott glauben'. Nun glaube ich gezeigt
zu haben, dalj Ihre Bemühung sich auf den Ver-
sudi reduziert, eine erprobte und affektiv wertvolle
Illusion durdi eine andere, unerprobt und indifferent,
zu ersetzen.«
oie sollen mich nidit für Ihre Kritik unzugänglidi
finden. Ich weifj, wie schwer es ist, Illusionen zu ver-
meiden; vielleidit sind audi die Hoffnungen, zu denen
ich mich bekannt, illusorisdier Natur. Aber einen Unter-
schied halte idi fest. Meine Illusionen — abgesehen da-
von, daf3 keine Strafe darauf steht, sie nidit zu teilen —
sind nidit unkorrigierbar wie die religiösen, haben nidit
den wahnhaften Charakter. AV^nn die Erfahrung —
nicht mir, sondern anderen nach mir, die ebenso denken
— zeigen sollte, dal} wir uns geirrt haben, so werden
85
wir auf unsere Erwartungen verzichten. Nehmen Sie
doch meinen Versudi für das, was er ist. Ein Psydio-
löge, der sidi nidit darüber täusdxt, wie schwer es ist,
sidi in dieser Welt zurechtzufinden, Lemüht sidi, die
Entwidmung der Menschheit nadi dem Li^chen Einsicut
zu beurteilen, das er sidi durdi das Studium de* seeli-
sdien Vorgänge Leim Einzelmenschen während dessen
Entwicklung vom Kind zum Erwadisenen erworben liat.
Dabei drängt sieb, ilim die Auffassung auf, dalj die
Religion einer Kindheitsneurose vergleichbar sei, und er
ist ojptimistisdi genug anzunelimen, daJj die Menschheit
diese neurotisdie Phase überwinden wird, wie so viele
Kinder ihre ähnliche Neurose auswachsen. Diese Ein-
sichten aus der Individualpsychologie mögen ungenügend
sein, die Übertragung auf das Menschengeschledit nicht
gerechtfertigt, der Optimismus unbegründet; ich gehe
Ihnen alle diese Unsicherheiten zu. Aber man kann sich
oft nicht abhalten zu sagen, was man meint, und ent-
sdiuldigt sidi damit, daJ3 man es nicht für mehr ausgibt,
als es wert ist.
Und hei zwei Punkten mulj ich nodi verweilen.
Erstens, die iSchwäche meiner Position bedeutet keine
Stärkung der Ihrigen. Ich meine, Sie verteidigen eine
verlorene Cache. W"ir mögen noch so oft betonen, der
menschlidie Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum
menschlidien Triehlehen, und Recht damit haben. Aber
es ist doch etwas Besonderes um diese jSdiwädie; die
86
Stimme des Intellekts ist leise, aber sie rukt nickt, elie
sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig
oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies
ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die
Zukunft der .Menschheit optimistisch sein darf, aber er
bedeutet an sich nickt wenig. An ikn kann man nodi
andere Hoffnungen anknüpfen. Der Primat des Intellekts
liegt gewiß in weiter, weiter, aber wakrsckeinlich dock
nickt in unendliaier Ferne. Und da er sied voraussicht-
lich dieselben Ziele setzen wird, deren Verwirklichung
oie von Ihrem Gott erwarten — in menseklicker Er-
mäßigung natürlich, soweit die äußere Realität, die
'kvdy%X\, es gestattet — : die Mensdienliebe und die Ein-
schränkung des Leidens, dürfen wir uns sagen, daß
unsere Gegnerschaft nur eine einstweilige ist, keine un-
versöhnliche. \T\v erhoffen dasselbe, aber Sie sind un-
geduldiger, anspruchsvoller und — warum soll idi es
nickt sagen? — selfcstsüditiger als ick und die Meinigen.
iSie wollen die Seligkeit gleidi nack dem Tod be-
ginnen lassen, verlangen von ikr das Unmögliche und
wollen den Anspruch der Einzelperson nidit aufgeben.
Unser Gott Aoyo? 1 wird von diesen Wünschen verwirk-
licken, was die Natur außer uns gestattet, aber sekr all-
mäklick, erst in unabsekbarer Zukunft und f
Mensdienkinder. Eine Entschädigung für uns, die
ur neue
wir
1) Das Götterpaar höyoc,-' Avä^m} des Holländers Multatuli.
8 7
schwer am Leben leiden, verspricht er nicht. Auf dem
VVege zu diesem fernen Ziel müssen Ihre religiösen
Lehren fallen gelassen werden, gleichgültig oh die ersten
Versuche miljlingen, gleichgültig oh sich die ersten Ersatz-
hudungen als haltlos erweisen. iSie wissen warum; auf
die Dauer kann der V ernunft und der Erfahrung nichts
widerstehen, und der Widerspruch der Religion gegen
heide ist allzu greifbar. Audi die geläuterten religiösen
Ideen können sich diesem Ochicksal nicht entziehen, so-
lange sie noch etwas vom Trostgehalt der Religion
retten wollen. Freilidi, wenn sie sich auf die Behauptung
eines höheren geistigen \Vesens einschränken, dessen
Eigensdiaften unhestimmhar, dessen Absichten unerkenn-
bar sind, dann sind sie gegen den Einspruch der "Wissen-
schaft gefeit, dann werden sie aber audi vom Interesse
der Manschen verlassen.
Und zweitens: Beaditen »Sie die Versdiiedenheit Ihres
und meines Verhaltens gegen die Illusion. jSie müssen
die religiöse Illusion mit allen Ihren Kräften verteidigen;
wenn sie entwertet wird, — und sie ist wahrlich bedroht
genug, — dann stürzt Ihre W^elt zusammen, es bleibt
Ihnen nidits übrig, als an allem zu verzweifeln, an der
Kultur und an der Zukunft der Menschheit. Von dieser
Leibeigenschaft bin ich, sind wir frei. Da wir bereit sind,
auf ein gutes Otüdt unserer infantilen W^ünsche zu ver-
zichten, können wir es vertragen, wenn sich einige unserer
Erwartungen als Illusionen herausstellen,
83
Die vom Druck der religiösen Lekren befreite Er-
ziehung wird vielleidit nickt viel am psydiologisdien
Wesen des Mensdien ändern, unser Gott Aöyos ist viel-
leidit nickt sekr allmäcktig, kann nur einen kleinen Teil
von dem erfüllen, was seine Vorgänger versprocken
kaken. Wenn wir es einseken müssen, werden wir es
in Ergebung kinnekmen. Das Interesse an Welt und
Eeken werden wir darum nidit verlieren, denn wir
kaken an einer Stelle einen sickeren Ankalt, der
Innen feklt. Wir glauken daran, da§ es der wissen-
sckaftlicken Arkeit möglick ist, etwas üker die Realität
der Welt zu erfakren, wodurck wir unsere M.adit
steigern und wonack wir unser Leken einrickten können.
Wenn dieser Glauke eine Illusion ist, dann sind wir in
derselben Lage wie Sie, aker die Wissensckaft kat uns
durdi zaklreidie und kedeutsame Erfolge den Beweis er-
kradit, dal} sie keine Illusion ist. Sie kat viele offene
und nodi mekr verkappte Feinde unter denen, die ikr
nickt verzeiken können, daJj sie den religiösen Glauken
entkräftet kat und ikn' zu stürzen drokt. Man wirft ikr
vor, wie wenig sie uns gelekrt und wie unvergleicklidi
kr sie im Dunkel gelassen kat. Aker dakei vergibt
, wie jung sie ist, wie kesdiwerlick ikre Anfänge
waren und wie versdiwindend klein der Zeitraum, seit-
dem der mensdilidie Intellekt für ikre Aufgaben erstarkt
ist. Felden wir nickt alle darin, da.! wir unseren Urteilen
ZU kurze Zeiträume zugrunde legen? Wir sollten uns
8q
me
man
an den Geologen ein Beispiel nelimen. Man heklagt sich
üher die Unsidierlieit der "Wissenschaft, daß sie teilte als
Gesetz verkündet, was die nächste Generation als Irrtum
erkennt und durdi ein neues Gesetz von ehenso kurzer
Geltungsdauer aklöst. Aber das ist ungeredit und zum
Teil unwahr. Die Wandlungen der wissenschaftlichen
Meinungen sind Entwicklung, Fortschritt und nickt Um-
sturz. Ein Gesetz, das man zunächst für unbedingt gültig
gekalten kat, erweist sidi als «Spezialfall einer umfassen-
deren Gesetzmäßigkeit oder wird eingesdiränkt durck ein
anderes Gesetz, das man erst später kennen lernt; eine
rolie Annäkerung an die Wahrheit wird ersetzt durck
eine sorgfältiger angepaßte, die ihrerseits wieder eine
weitere Vervollkommnung erwartet. Auf verschiedenen
Gehieten kat man eine Pkase der Forschung nock nickt
überwunden, in der man Annahmen versucht, die man
hald als unzulänglidi verwerfen muß; auf anderen gibt
es aher hereits einen gesicherten und fast unveränderlichen
Kern von Erkenntnis. Man kat endlich versucht, die
wissenschaftliche Bemühung radikal zu entwerten durch
die Erwägung, daß sie, an die Bedingungen unserer
eigenen Organisation gebunden, nichts anderes als suh-
jektive Ergehnisse liefern kann, wäkrend ikr die wirk-
liche Natur der Dinge außer uns unzugänglich hleiht.
Dahei setzt man sich üher einige Momente hinweg, die
für die Auffassung der wissenschaftlichen Arheit ent-
scheidend sind, daß unsere Organisation, d. h. unser
9°
seelischer Apparat, eben im Bemülien um die Erkun-
dung der Außenwelt entwickelt worden ist, also ein
iStüdi Zweckmäßigkeit in seiner Struktur realisiert haben
muß, daß er selbst ein Bestandteil jener VVelt ist, die
wir erforschen sollen, und daß er soldie Erforschung sehr
wohl zuläßt, daß die Aufgabe der W'issensdiaft voll
umschrieben ist, wenn wir sie darauf einsdiränken zu
zeigen, wie uns die AV^elt infolge der Eigenart unserer
Organisation erscheinen muß, daß die endlidien Resul-
tate der AV^issensdiaft gerade wegen der Art ihrer Er-
werbung nidit nur durdi unsere Organisation bedingt
sind, sondern au da durdi das, was auf diese Organisation
gewirkt hat, und endlich, daß das Problem einer AVelt-
besdiaffenheit ohne Rücksicht auf unseren wahrnehmenden
seelisdien Apparat eine leere Ahstraktion ist, ohne prak-
tisches Interesse.
Nein, unsere ^Wissenschaft ist keine Illusion. Eine
Illusion aber wäre es zu glauben, daß wir anderswoher
bekommen tonnten, was sie uns nidit geben kann.
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In dem gleichen Formaie und in der gleichen Ausstattung wie das
vorliegende Buch sind früher erschienen:
jSIGjM. FREUD: Die Frage der Laien a n alys e. Unter-
redungen mit einem Unparteiischen, Geheftet M 3. so, Granzleinen
M 4.80.
Prof. Freud nimmt Stellung zu der durch einen Kurpfuscherprozeß in Wien aktuell ge-
wordenen Fra^e, ob die Handhabung des tiefenpsychologischen Heilverfahrens den Ärzten
vorbehalten bleiben soll. Der Schöpfer der Psychoanalyse verwahrt sich temperamentvoll
dagegen, daß die Psychoanalyse „von der Medizin verschluckt werde". In diesem Zusammen-
hang entwirft Freud in knappen Zügen auch ein Bild seiner ganzen Lehre. Insbesondere
die konkreten Vorgänge während der analytischen Kur werden eingehender verdeutlicht
als in früheren gemeinverständlichen Darstellungen.
ANNA FREUD: Einführung in die Tecknit der
Jvin oeranalyse. Geheftet JyL 2.70, Ganzleinen M. 4. — .
Vier Vorlesungen am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung: I) Die
Einleitung der Kinderanalyse — II) Die Mittel der Kinderanalyse — III) Die Bolle der
Übertragung in der Kinderanalyse — IV) Das Verhältnis der Kinderanalyse zur Erziehung.
THEODOR REIK: Wie man Psyckologe wir!
Geheftet M. 5.6 o, Ganzleinen JM 5. — .
Inhalt: I) Wie man Psychologe wird — II) Psychologie und Depersonalisation — III) Die
psychologische Bedeutung des Schweigens.
SIEGFRIED BERNFELD: /3; syp ko S oder: Die
Grenzen der Erziekung. Geheftet M. 5. — , Ganzleinen M. 6.5 o.
Seit langem im fragwürdigen Bereich der Pädagogik keine wichtigere Erscheinung, als
diese Schrift. Übrigens auch keine bei allem bitteren Ernst witzigere und vergnüglichere.
(Gustav Wyneken im Berliner Tageblatt.) — Die glänzende Programmrede des Unterrichts-
ministers reicht an Anatole France heran und könnte in der Insel der Pinguine stehen. (Die
Mutter.) — Geistreiche Sachlichkeit und anmutige Ironie. (Ostseezeitung.) — Vollzieht in
eigenkräftiger Klarheit die Paarung oder besser: die Durchdringung Freud -Marx . . .
Sezierarbeit am didaktischen Größenwahn. (Paul Oestrei~h in Die neue Erziehung.) —
Selten sind die scheinbar so sicheren Grundlagen der Pädagogik so gründlich unterwühlt
worden, wie in dem vorliegenden geistreichen Buche. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft.)
Internationaler Psy choanaly t ischer Verlag, Wien I, Börseg
asse 11
ZUR PSYCHOANALYSE
SIGM. FREUD: Totem und Tat«. Einige Übereinstim-
mungen im Oeelenleken der "Wilden und der Neurotiter. Geheftet
M 5.—, Hallleinen M6.~.
Inhalt: Vorwort — I) Die Inzestscheu — II) Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühls-
regungen — III) Ammismus, Magie und Allmacht der Gedanken — IV) Die infantile
Wiederkehr des Totemismus.
Diese wundervolle Untersuchung dringt bis zu den Ursprüngen der religiösen und sozialen
Beschränkungen vor. Die Ergebnisse stürzen in der Tat die alte Psychologie vollkommen
um. (The New York Times,)
jSIGM. FREUD: Massenpsyckologie und Ick-Ana-
lyse. M 3.5o.
Reich an Ideen, fesselnd und anregend zugleich; hat die Massenpsychologie durch eine
vertiefte Problemstellung bereichert und auf neue Bahnen geführt. (Kölner Vierteljahrsscm:
f. Sozialwiss.) — Die Vorzüge Freudscher Darstellungsweise durchdringen auch dieses ge-
danklich bedeutsame Buch. (Zeitschrift für Sexualwissenschaft.)
olCr-M. FREUD: Eine Teufelsneurose im xy. Jak r-
kundert. M. 1.80.
Wie man ein religiöses Schicksal psychoanalytisch auffassen kann, ohne platt, trivial, un-
ehrfürchtig zu werden: dafür ist das Schriftchen ein feinsinniges Beispiel. Die Grazie der
Darstellung bietet überdies einen literarischen GenuD. (Archiv für Frauenkunde,)
HAN5 ZULLIGER: Zur Psyckologie der Trauer-
und -Bestattungsgeträucke. JVf 2. — .
Inhalt: I) Eine Schulkameradin ist gestorben — II) Über Speiseverbote und Fasten-
gebräuche — III) Begräbnisgebräuche.
C D. DAEY: Hindu-JYLytkologie und Kastrations-
komplex. Geheftet M. 2.80, Ganzleinen M. 4.20.
Inhalt: I) Psychologie der Hindu. Die Rückkehr zu den analen Interessen und die
Fixierung in ihnen als Resultat der Kastrationsangst. Ambivalente Einstellung zu den
weiblichen Genitalien — II) Die hinduistische Göttin Kali. Lha-Mo, das tibetanische
Gegenstück — III) Der Kali-Symbolismus — IV) Der Penisneid — V) Die Todesangst der
Hindu. Kali, die Schlachtenkönigin. Das „Unheimliche" und das „Geheimnisvolle". Der
Menstruationskomplex.
DER RELIGION
THEODOR REIK: Der eigene und der fremd
Gott. Geheftet M. 8.5 o, Ganzleinen M 10. 5 •
e
>o.
Aus dem Inhalt: Jesus und Maria im Talmud — Der hl. Epiphanius verschreibt sich —
Das Evangelium des Judas Ischarioth — Die Unheimlichkeit fremder Götter u. Kulte — u. s.w.
Der tiefblickendste und scharfsinnigste Religionspsychologe unserer Zeit. (Schulreform,
Bern.) — Man wird eine Methode, die so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht
a limine ablehnen. (Prof. Titius in der Theologischen Literaturzeitung.) — Man muß Reiks
wuchtigen Vorstoß anerkennen . . . Rücksichtslos geht der Weg, zwar oft durch Dunkel
und Schrecken und kaltes Grauen. (Bremer Nachrichten.) — Das Buch ist unmittelbar er-
schütternd. Es versäume niemand, dem psychologischen Zusammenhang zwischen Christus
und Judas Ischarioth unter Reiks sachkundiger Führung nachzusinnen. (Graf Hermann
Keyserling im Weg zur Vollendung.) - Ein geistreiches Buch . . . Einer der hellsten Köpfe
unter den Psychoanalytikern. (Alfred. Doblin in der Vossischen Zeitung.)
THEODOR REIK: Dogma uncl Zwangsidee. Gek.
M. 5.6o, Ganzleinen ify. — .
Inhalt: I) Das Dogma — II) Die Entstehung des Dogmas — III) Dogma und Zwangs-
idee (Das Dogma als Kompromißausdruck von verdrängten und verdrängenden Vorstellun-
gen. Die Verschiebung auf ein Kleinstes. Zweifel und Hohn. Dogma und Anaihema. Der
Widersinn im Dogma und in der Zwangsidee. Die sekundäre Bearbeitung in der ratio-
nalen Theologie. Fides und Ratio. Das Tabu des Dogmas. Der latente Inhalt des Dogmas
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Das Wiederkehrend-Verdrängte. Die Stellung
des Dogmas in der Religion. Glaubensgesetz und Sittengeselz).
iweize-
HERMANN RORSCHACH (f) : Zwei sc k
riscke Se t tens tif ter. Geheftet M 2.20, Ganzleinen M 3. 4 o.
Inh alt: I) Johannes Binggeli — II) Anton Unternährer. (Nach Vorträgen in der „Schweize-
rischen Gesellschaft für Psychoanalyse".)
GEZA RÖHEIM: Mondmytkologie und Mond-
religion. Geheftet M 3. 60, Ganzleinen M 5. — .
Inhalt: I) Die Wasserträger im Monde. Der Mondbaum, der ewige Faden und die
Spinnerin. Zusammenhänge zwischen Südostasien und Polynesien. Die Kröte. — II) Mond-
mythen und Weckträume. Naturmythos und Elementargedanke oder Psychologische
Mythendeutung und Wanderungstheorie. Mondsage, Durstreiztraum, Harnreiztraum Flut
sagen. Urindrang und Mondsucht - III) Danaidenarbeit. Neuseeländische Varianten. Das
Los der alten Jungfern. Die Sonntagsschänder und ihre ewige Arbeit. Diebstahl und Mond-
versetzung - IV) Die Mondmutter und der Mondkult. Mondsucht und Menstruation
Kiddus lebana. Die lunare Sympathie.
DAS
Soeben erschi
TUAL
Psychoanalytische Otudien
THEODOR ILEIK
JVlit einer Vorrede von iSigtn. Freuo
Zweite, durchgesehene und ergänzte Auflage der »Probleme der
Religionspsycnologiee
Geheftet M 12. — , Ganzleinen M 14. —
Int alt: Die Couvade (M.ännerkindbett) und die Psydiogenese der
Vergeltungsfurcht — Die Puhertätsriten der Wilden — Kolnidre — Das
iSdiofar — Der M_oses des ^Michelangelo
Es ist eine schwere Kost, die vorsichtig genommen und mehrmals ver-
daut werden muß, — aber es ist eine Arbeit, die, wie alle psycho-
analytischen Werke, den Problemen wirklich nahezukommen
sucht, es ist nicht dieses ewige kompilierende Denken, das so häufig
in der übrigen medizinischen Literatur uns ichthyosaurierhaft an-
mutet . . . Wenn Reik am Schlüsse seines Werkes schreibt, daß er
der Religionswissenschaft einen neuen Weg gewiesen hat, den er an
der Hand seines Meisters Freud betrat, dann muß ihm jeder Vor-
urteilsfreie, auch wenn er ihm nicht in allen Deduktionen folgen kann,
recht geben. Wie schmerzlich manchem die Sondierung religiös-
ethischer Gefühle sein mag, vom wissenschaftlichen Standpunkt ist
sie berechtigt, und die Psychoanalyse ist zweifelsohne befähigt, diese
Erkenntnis in ein bisher unbekanntes Reich zu führen. Reiks Buch
kann nicht referiert werden, da jedes Referat nur Stückwerk bleiben
muß; es ist ein Buch, das durchforscht zu werden verdient und
das in sich den Keim neuen Werdens trägt.
Prof. Liepmann in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft".
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Die Zukunft
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